24.09.2013 | OVZ

Die Wahlanalyse

Vogel deklassiert Mitbewerber / Tempel trotzdem drin / Freie Demokraten im freien Fall

Altenburg. Deutschland hat gewählt – darunter auch 116 044 von 170 746 Wahlberechtigen im Wahlkreis Greiz/Altenburger Land. Und sie haben – ganz im bundesweiten Trend – der CDU einen grandiosen Erfolg beschert. Der Partei ebenso wie ihrem Kandidaten. Volkmar Vogel deklassierte seine Mitbewerber. Dennoch hat Ostthüringen wieder zwei Abgeordnete im Bundestag. Frank Tempel (Linke) schaffte es erneut über die Landesliste.

Von Ellen Paul

Danach sah es vor der Wahl freilich gar nicht aus. Denn alles schien nach dem Motto “Alles oder nichts. Direktmandat oder raus” zu laufen. Bei diesen Sandkastenspielchen hatte allerdings niemand einen solchen Durchmarsch der Christdemokraten auf dem Plan. Eher traute man der Linken zu, in Thüringen dieses oder jenes Direktmandat zu holen. Daraus wurde nichts. Die gingen komplett an die CDU. So reichte dem Kreisvorsitzenden der Linkspartei im Altenburger Land der vierte Listenplatz für den Wiedereinzug in den Bundestag. Allerdings mussten Tempel und seine Partei Verluste hinnehmen, jeweils rund fünf Prozentpunkte.

Aber auch sonst hielt der Wahlkreis 195 Überraschungen bereit. Denn nicht wenige erwarteten ein Kopf-an-Kopf-Rennen der drei großen Parteien um das Direktmandat. Und Ex-Landrat Sieghardt Rydzewski könnte dabei, so die Vermutung, mit seinem Wiedereinstieg in die Politik sogar das Zünglein an der Waage sein. Doch sein Bekanntheitsbonus nutzte dem 60-Jährigen gar nichts. Im Gegenteil. Rydzewski fuhr mit 6,0 Prozent sogar ein schlechteres Ergebnis ein als die AfD als Partei bei den Zweitstimmen (7,5 Prozent) im Wahlkreis.

Ebenso hatten sich die Sozialdemokraten ein deutlich besseres Ergebnis als 2009 erwartet, als sie – damals völlig überraschend – schon einmal bei Bundestagswahlen klar hinter den Linken im hiesigen Wahlkreis nur drittstärkste Kraft wurden. Doch Nikolaus Dorsch liegt mit seinen 14,0 Prozent sogar noch unter den 17,6 Prozent seines Vorgängers Wilfried Präger. Auch die Partei büßte gegenüber der Wahl vor vier Jahren weiter ein und bringt es gerade mal noch auf 14,3 Prozent. Zur Erinnerung: 2005 hatten die Erben von Willy Brandt sagenhafte 39,2 Prozent erreicht.

Die größten Verlierer des Wahlabends 2013 im Altenburger Land sind jedoch unbestritten die Liberalen. Das Ergebnis darf getrost als katastrophal bezeichnet werden. Die FDP erreichte bei den Zweitstimmen nur noch 2,7 Prozent und liegt damit noch unter dem Schock-Ergebnis ihrer Parteifreunde im Bund. Noch schlimmer kam es für ihren Direktkandidaten Daniel Scheidel. Er wurde mit unterirdischen 1,6 Prozent letzter im Reigen der insgesamt acht Bewerber, noch hinter denen von AfD, NPD, Grünen und Piraten. Die freien Demokraten im freien Fall. Denn vor vier Jahren waren sie im Wahlkreis Greiz/Altenburger Land noch auf 10,9 Prozent bei den Zweitstimmen gekommen. Und ihr damaliger Kandidat Johannes Frackowiak holte immerhin zufriedenstellende 8,0 Prozent.

Neben der CDU gibt es aber doch noch einen zweiten Gewinner des Wahlsonntags – die Demokratie. Die Wahlbeteiligung stieg von 64,2 auf 68 Prozent.

Wahlverlierer

FDP, AfD, Grüne und Piraten unzufrieden

Altenburg. Die Direktkandidaten und Parteifunktionäre von Bündnis 90/Die Grünen, den Liberalen, Piraten und der Alternative für Deutschland (AfD) haben sich mehr oder weniger enttäuscht über den Ausgang der Bundestagswahl gezeigt. “Man wünscht sich immer ein noch besseres Ergebnis”, sagte Sieghardt Rydzewski, der für die AfD sechs Prozent bei den Erststimmen erzielte. Mehr erhofft hatte er sich gleichfalls beim Bundesergebnis seiner Partei, die knapp den Einzug den Bundestag verpasst hat. Die auch durch die Medien erzeugten Bedenken gegenüber der AfD hätten Wirkung gezeigt, sagte er. Allerdings habe die AfD ein Achtungszeichen gesetzt. Mit 6,2 Prozent liege man in Thüringen deutlich über dem Bundesergebnis. “Bei vielen Mitgliedern heißt es deswegen, jetzt erst recht”, sagte der 60-Jährige. Diesen Schwung werde man bei den Wahlen 2014 nutzen, kündigte Rydzewski an. Ob er dann erneut kandidiere, ließ er offen.

“Im Wahlkreis Altenburger Land/Greiz haben wir uns ein leicht besseres Ergebnis von etwa fünf bis sechs Prozent erhofft”, erklärte Ingo Prehl, der Sprecher des Kreisverbandes der Grünen, die auf 3,4 Prozent der Zweitstimmen kamen. Grüne Politik werde offensichtlich nur in den Städten verstanden. Das hätten die Unterschiede bei den Ergebnissen im Vergleich zu den ländlichen Regionen gezeigt. “Das stellt uns natürlich nicht zufrieden.” Das Ziel müsse sein, grüne Politik mehr in die Fläche zu tragen. Enttäuscht äußerte sich Prehl auch über den überwältigenden Wahlerfolg des CDU-Direktkandidaten Volkmar Vogel. Fast jeder zweite Wähler habe sich damit für Nichtstun und Aussitzen entschieden. Denn “ob Herr Vogel im Bundestag sitzt oder nicht, macht für die Bürger im Altenburger Land keinen Unterschied”, erklärte der Prehl. Grünen-Direktkandidat Jens Kämpfer, der 2,8 Prozent erzielte, war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen.

Ebenso auf Tauchstation ging Holger Peckmann. Der Direktkandidat war, wie auch Jessica Förster, die Kreisvorsitzende der Piraten, gestern nicht zu sprechen. “Das Ergebnis lag sicher unter unseren Erwartungen”, sagte Vize-Kreischef Jörg Burkhardt. Dennoch sei man angesichts der Begleitumstände nicht unzufrieden. Für die Piraten sei dies der erste Wahlkampf überhaupt gewesen, den man mit nur vier Leuten im Wahlkreis absolviert hat. Ganz anders als manch andere Partei, denen dabei bezahlte Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Erschwerend kam hinzu, dass die Greizer Piraten gar keinen Kreisverband besitzen. Die Gründe, weshalb das Ziel von fünf Prozent verfehlt wurde, habe man noch nicht analysiert. Die Erfahrungen aus diesem Wahlkampf werden jedoch genutzt, um schon zur Kommunalwahl im kommenden Jahr mit eigenen Kandidaten anzutreten, möglicherweise auch bei der Europawahl. Als erschreckend bezeichnete Burkhardt das Abschneiden der NPD.

Ziemlich konsterniert zeigte sich FDP-Kreischef Daniel Scheidel, der mit 1,6 Prozent das schlechteste Ergebnis aller acht Direktkandidaten im Wahlkreis 195 verzeichnete. “Ich war zunächst sprachlos, das ist ein katastrophales Abschneiden und kein guter Tag für die FDP“, sagte der 54-Jährige gestern. Man habe es nicht geschafft, die politische Botschaft an die Wähler zu bringen. Dass sein eigenes Ergebnis sogar noch 1,1 Punkte unter den 2,7 Prozent der Partei im Kreis lag, bezeichnete er als “persönliche politische Schmach”. “Ein starker Kandidat ist besser als die Partei, was auf Volkmar Vogel und Frank Tempel zutrifft”, so Scheidel weiter. Alles andere seien schwache Kandidaten. “Das trifft leider auch auf mich zu.” Für das desaströse Ergebnis übernehme er auch die Verantwortung. Ob Scheidel es aber dem FDP-Bundesvorsitzenden Philipp Rösler gleichtut und als Kreischef zurücktritt, steht noch nicht fest. “Ich denke über mögliche persönliche Konsequenzen nach, ein Rücktritt ist nicht ausgeschlossen.” Endgültig darüber entscheiden wolle er jedoch erst, wenn er aus dem Urlaub zurück sei und mit seinen Partei-Freunden geredet habe. Passieren soll das am 7. Oktober auf einer Kreisverbandssitzung.

Jens Rosenkranz/Thomas Haegeler

Kommentar

Wieder nur die Kleinen

Von Ellen Paul

Das Altenburger Land fühlt sich immer mal abgehängt oder missachtet – von der Wirtschaft und millionenschweren Investoren, von der Landespolitik, von der Autobahn. Nun dürfen sich zum zweiten Mal auch die Parteizentralen des Bundes dazu zählen. Denn wie schon 2009 machten Spitzenpolitiker im Bundestagswahlkampf einen großen Bogen um den östlichen Zipfel Thüringens. Erneut mussten die Kleinen, also die Direktkandidaten, vor Ort alleine ran.

Das haben sie mit mehr oder weniger großem Einsatz getan. Zu denen, die sich richtig reinknieten, zählt zweifellos Nikolaus Dorsch. Der SPD-Kandidat war seit Monaten auf zig Veranstaltungen präsent, führte unendlich viele Gespräche, nahm in der Schlussphase des Wahlkampfs sogar Urlaub und für die Werbekampagne nicht unerheblich privates Geld in die Hand.

Wie ihn seine hiesigen Genossen dann am Sonntagabend (fast) allein im Regen – sprich im Altenburger Ratskeller, dem Treff der Sozialdemokraten nach Wahlen – stehen ließen, war einfach zum Fremdschämen.

Und ist potenziellen Nachfolgern womöglich eine Warnung: Sich nicht der Partei zuliebe in einem von vornherein kaum Siegchancen versprechenden Wahlkampf zum Zählkandidaten machen zu lassen. Der Dank ist nicht gewiss.

So wählte das Altenburger Land

Daniel Scheidel (FDP)

Altenburg: 2,4 %
Altkirchen: 0,9 %
Dobitschen: 2,3 %
Drogen: 3,8 %
Fockendorf: 1,9 %
Frohnsdorf: 0,6 %
Gerstenberg: 0,6 %
Göhren: 0,8 %
Göllnitz: 9,3 %
Göpfersdorf: 6,7 %
Gößnitz: 1,5 %
Haselbach: 2,7 %
Heukewalde: 1,4 %
Heyersdorf: 0 %
Jonaswalde: 1,6 %
Jückelberg: 3,2 %
Kriebitzsch: 1,2 %
Langenleuba-Niederhain: 1,2 %
Löbichau: 2,6 %
Lödla: 1,7 %
Lucka: 1,7 %
Lumpzig: 1,6 %
Mehna: 2,5 %
Meuselwitz: 1,3 %
Monstab: 1,1 %
Nöbdenitz: 1,1 %
Nobitz: 1,9 %
Ponitz: 1,2 %
Posterstein: 2,0 %
Rositz: 1,6 %
Schmölln: 1,6 %
Starkenberg: 1,8 %
Thonhausen: 1,6 %
Treben: 1,7 %
Vollmershain: 1,0 %
Wildenbörten: 1,5 %
Windischleuba: 1,8 %
Ziegelheim: 1,4 %

Gesamt*: 1,6 %

*Gesamtergebnis einschließlich der Städte und Gemeinden des Landkreises Greiz

Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik