12.11.2008 | OVZ

Hauchdünner Vorsprung

Schmölln (jr). Mit einer Stimme Mehrheit haben die Freien Demokraten des Altenburger Landes und Greiz Johannes Frackowiak vorgestern zum FDP-Direktkandidaten zur Bundestagswahl 2009 gewählt. Dem voraus ging ein ungewohnt heftiger Schlagabtausch zwischen Delegierten aus den beiden Kreisen.

“Nicht in die Kniekehlen treten”

FDP wählt auf turbulenter Sitzung Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl

Schmölln. Mit einer Stimme Mehrheit haben die Freien Demokraten des Altenburger Landes und Greiz Johannes Frackowiak vorgestern zum Direktkandidaten zur Bundestagswahl 2009 gewählt. Der Altenburger setzte sich in einer Kampfabstimmung gegen den Greizer Jens Zimmer durch. Der Wahl voraus ging ein ungewohnt heftiger Schlagabtausch zwischen beiden Lagern.

Die Greizer hatten für Zimmer vor allem mit dessen Wahlergebnis von vor vier Jahren geworben, als er mit 8,9 Prozent das beste Zweitstimmen-Ergebnis der Liberalen in Thüringen einfuhr. “Wenn es bergauf geht, spannt man nicht das Pferd aus, was den Karren zieht”, betonte der Greizer FDP-Chef Dirk Bergner. Zimmer selbst stellte in seiner Bewerbungsansprache sein Engagement für Menschen in den Vordergrund, die arbeiten oder gern arbeiten würden und legte den Schwerpunkt vor allem auf wirtschaftliche Themen, sprach sich gegen den gläsernen Bürger aus und hob seine Verbundenheit zu Region und Bürgern hervor.

Sein Kontrahent Frackowiak zählte den Kampf gegen Überwachungsstaat und Gesundheitsfonds auf. Für ihn müsse die FDP nicht allein Partei des Mittelstandes sein, sondern sich auch anderen Gruppen öffnen.

Der Streit entzündete sich an der Skepsis von Greizer Parteimitgliedern, ob Frackowiak über ausreichende betriebswirtschaftliche Erfahrung und Kompetenz verfüge, da die Partei schließlich den Mittelstand vertrete. Außerdem wurde die Behauptung von FDP-Kreischef Daniel Scheidel mehrmals hinterfragt, wonach Frackowiak der bessere Kandidat sei.

Scheidel selbst maß dem guten Zweitstimmen-Ergebnis von Zimmer nicht die entscheidende Bedeutung bei. Denn das Erststimmen-Resultat des Kandidaten von 5,2 Prozent sei schlechter gewesen, und dafür sei er als Direktkandidat selbst verantwortlich. Scheidel zeigte sich außerdem über einen Brief Zimmers an die FDP-Mitglieder im Altenburger Land irritiert, in dem der Greizer für seine Kandidatur geworben hatte. “So ganz gefallen hat mir das nicht”, sagte Scheidel, denn es sei unklar, woher Zimmer die Adressen habe.

Das wiederum brachte den Greizer Partei-Chef Bergner auf die Palme, der mehr Fairness einforderte. Die FDP habe immer einen Wahlkampf für die Zweitstimmen geführt, da dieser über die Stärke der Fraktion im Bundestag entscheide. Zimmer “dafür in die Kniekehlen zu treten, darf nicht sein”, sagte Bergner. “Wir müssen verrückt sein, wenn wir uns hier schlachten. Der politische Gegner sitzt draußen”, rief er.

Die Debatte kulminierte schließlich in einer Abstimmung darüber, ob den Kandidaten lediglich Fragen gestellt oder ob auch ihre Eignung diskutiert und hinterfragt werden dürfe. Nur Fragen zu stellen wurde mit 30 zu 23 Stimmen abgelehnt. Infolge dessen verlangten Redner, die Vorwürfe wie das Kniekehlen-Treten doch zu unterlassen. Wenn man sich gegenseitig ins Gesicht schlage, sei dies nur ein Spaß für CDU, SPD und Linke, hieß es.

Am Ende der Debatte kam so etwas wie eine leichte Entspannung auf. Den Beifall vieler der insgesamt 59 Sitzungsteilnehmer erntete Torsten Grieger: “Wir müssen den Kandidaten finden, hinter dem wir am Ende alle stehen”, sagte er.

Der unterlegene Jens Zimmer nahm das hauchdünne Wahlergebnis und die Kritik zum Schluss zwar mit versteinerter Miene entgegen, gab sich aber gelassen: “Davon geht die Welt auch nicht unter.”

Jens Rosenkranz

Standpunkt

Realistische Ziele statt Zählkandidat

Von Jens Rosenkranz

Auf den ersten Blick mag der Wähler erschrecken und die politische Konkurrenz darüber jauchzen, wie sich die Liberalen rempeln und holzen. Doch die Auswahl des besten Kandidaten mag mitunter nichts für zarte Gemüter sein.

Den Altenburger Liberalen ist ein achtbares Ergebnis zur Bundestagswahl zu wenig, das vielleicht Schulterklopfen, aber wie immer kein Direktmandat bringt. Sie wollen mit Hilfe eines lokal verankerten und vor Ort engagierten Kandidaten vor allem in Altenburg bei der Kommunal- und bei der Landtagswahl punkten. Denn einigermaßen realistische Ziele sind der Wiedereinzug ins Erfurter Parlament und in den Stadtrat der Skatstadt sowie eine stärkere Kreistagsfraktion. Dabei kann ihnen ein Bundestags-Kandidat aus Greiz kaum helfen, einer aus Altenburg schon.

Für dieses Ziel sind die Liberalen aus dem Altenburger Land hemdsärmelig vorgegangen, wie bei ihrer Kritik an den Linken auch. Für einen umstrittenen Punktsieg mag dies reichen, für den Wahlsieg nicht.

Personalie

Johannes Frackowiak vor schwerer Kandidatur

Er wisse, dass die FDP kaum Chancen auf den Gewinn eines Direktmandats für den Bundestag habe, wolle dennoch nicht nur ein Zählkandidat sein, sagte Johannes Frackowiak. Der 40-Jährige machte sich in Altenburg bislang als Vorsitzender des Altstadt-Bürgervereins und als Vize-Chef des neu gegründeten Altenburger FDP-Ortsvereins einen Namen. Der promovierte Historiker war von 2004 bis 2007 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Europa-Uni Viadrina in Frankfurt/Oder tätig und ist seitdem freiberuflicher Historiker in Altenburg. Er ist nicht verheiratet.