11.01.2014 | OTZ

Petra Lowe über ihre Woche

Neujahr, Vision und Seitenhieb

Petra Lowe über die Tradition, in jeder Stadt zu empfangen

Wer hat eigentlich die Neujahrsempfänge erfunden? Ein Kollege stellte diese Frage und ehrlich, weder ich, noch das Internet, noch ein anderer Kollege, konnten sie beantworten.

Plötzlich waren die Neujahrsempfänge da. Möglicherweise war es eine westdeutsche Art, das alte Jahr auszukehren und das neue mit Tamtam zu begrüßen. Seit der Wende jedenfalls stehen auch die ostdeutschen Bürgermeister und Landräte ganz freudig erregt in ihren Sälen und arbeiten die Schlange der Gäste ab. Ein bissel wie beim König, nur ohne Thron, Zepter und Reichsapfel. Dieser Pfad des Vergleichs könnte zur Beantwortung der Eingangsfrage führen, denn Kaiser und König hielten Audienz, das ist bewiesen. Allerdings nicht nur zu Neujahr, was uns wieder nicht weiter bringt. Belassen wir es bei der Ähnlichkeit der Form.

Wenn etwas neu beginnt, kann man das feiern. Also ist der Neujahrsempfang – oder das Wirtschaftstreffen in Schmölln – die Zeit der positiven Abrechnung mit dem alten Jahr und der Visionen für das neue. Für den meist alleinigen Redner, kann es auch die Möglichkeit sein, ein paar Seitenhiebe auf politische und sonstige Gegner zu verteilen. Aber das macht ja keiner. Nicht mal der frischgebackene Beigeordnete Daniel Scheidel (FDP), der hörbar irritiert war, dass er nur das Grußwort der Landrätin auf dem Neujahrsempfang in Gößnitz verlesen durfte. Keine eigenen Gedanken also und keine Seitenhiebe – und Visionen schon gar nicht, auch nicht im Grußwort. Um Seitenhiebe wegen der unendlichen Bürokratie auf dem Weg zur Aufbauhilfe nach Erfurt, hatte sich wenigstens Wolfgang“Scholz, Bürgermeister von Gößnitz, bemüht. Um seine Visionen für einen Schutz vor dem nächsten Hochwasser umzusetzen, braucht er eine Menge Geld. Ansonsten sieht es mit Visionen mau aus im Landkreis, in Gößnitz und Schmölln. Nicht, dass man keine in der Schublade hätte. Studenten hatten ja schon ein Papier erarbeitet. Aber gerade deren Vision des Zusammenwachsens der Pleiße- mit der Sprottestadt ist eine, die nicht gern gelitten ist. Deshalb redet man auch gar nicht darüber – jedenfalls nicht beim Empfang. Da wird lediglich durch Anwesenheit die gute Nachbarschaft signalisiert. Frau Lorenz kam erst zu später Stunde nach Gößnitz, Scholz dagegen war pünktlich bei ihr.