24.06.2014 | OTZ

Nahezu autark

Die ganz persönliche Energiewende in Göllnitz

Göllnitz ist nahezu energieautark. Neben Wasser und Abwasser gibt es jetzt auch einen kommunalen Eigenbetrieb für die Wärmeversorgung. Statt mit Öl heizen die Göllnitzer und Zschöpperitzer mit Wärme aus der Biogasanlage.

Göllnitz. Landwirt ist Hans-Jürgen Heitsch von Beruf. In seiner Freizeit, wie er schmunzelnd anmerkt, noch Bürgermeister. Und außerdem passionierter Experte für erneuerbare Energien, deren Finanzierung und gewinnbringenden Einsatz abseits von Fonds und Aktiengesellschaften. “Wo die anderen hinwollen, da sind wir längst”, sagt Heitsch und lacht. Hinter ihm blähen sich die grünen Wetterschutzfolien der riesigen Fermenter in den blauen Juni-Himmel. In der Biogasanlage, die sich auf einem Plateau kurz vor dem Ortseingang von Göllnitz erstreckt, wird Strom produziert. Zweieinhalb Mal so viel wie die Gemeinde im Jahr selbst verbrauchen könnte, aber da das rechtlich nicht geht, wird der Strom eben verkauft und ins öffentliche Netz eingespeist.

Die Wärme, die neben dem Strom bei der Produktion von Biogas aus Gülle und Silage entsteht, wurde bislang in die Luft geblasen. Mit dieser Verschwendung ist jetzt Schluss. Göllnitz und der Ortsteil Zschöpperitz haben ihr eigenes Nahwärmenetz. Bis auf die Sache mit dem Strom ist die Gemeinde energieautark. Denn auch ihr Trinkwasser bereiten die Göllnitzer im gemeindeeigenen Wasserwerk auf, im Eigenbetrieb ist ebenfalls die Abwasserentsorgung organisiert. Mit dem Nahwärmenetz kommt nun der dritte kommunale Eigenbetrieb hinzu, während die Biogasanlage als solche als privates Unternehmen der beiden Geschäftsführer Holger Sparbrod und Steffen Heitsch organisiert ist.

“Ihr habts mitbezahlt. Nun sollt ihr sehen, was mit dem Geld passiert ist.”
Hans-Jürgen Heitsch (FDP), Bürgermeister Göllnitz

Bei einem Tag der offenen Tür konnten nun die Göllnitzer und Zschöpperitzer erstmals hinter die Kulissen schauen, in die in Containern untergebrachten Steuerungsräume und ins Blockheizkraftwerk. Per Bullauge ließ sich sogar ein Blick in die 3000 Kubikmeter großen Fermenter werfen, in denen die Bakterien ihr Tagwerk verrichten und aus vermeintlichen Abfällen der Landwirtschaft wertvolles Methangas produzieren. Beeindruckt zeigten sich die gut 40 Teilnehmer nach der Führung. Kaum einer hätte vermutet, welche technische Raffinesse hinter der Anlage steckt. Überzeugt werden mussten die Anwohner aber nicht, das waren sie bereits vorher. Die Anschlussquote an das Nahwärmenetz liegt in Göllnitz bei 80 und in Zschöpperitz bei rund 60 Prozent. “In Göllnitz zum Beispiel wurden 70 Haushalte, sieben Gewerbe und vier kommunale Immobilien angeschlossen”, weiß der Bürgermeister.

Die Vorteile liegen für Anwohner wie Carmen Nösel auf der Hand. “Wir müssen kein Öl mehr kaufen und uns um nichts mehr kümmern. Wir sind sehr zufrieden”, zieht sie ein erstes Fazit, rund drei Monate nachdem die Hausanschlüsse für die Nahwärme installiert wurden. Die Familie konnte sich dadurch die Erneuerung des 20 Jahre alte Heizkessels sparen, und hat durch den Wechsel auch mehr Platz, denn die neue Heizung ist nur ein kleiner Kasten an der Wand.

5000 Euro einmalige Anschlussgebühren zahlen die Göllnitzer und Zschöpperitzer jeweils für ihre persönliche Energiewende. “Wir denken, die Investition lohnt sich in zehn bis 15 Jahren”, meint Carmen Nössel. Insgesamt wurden in das Nahwärmenetz rund zwei Millionen Euro investiert, rechnet Bürgermeister Heitsch zusammen. Davon kam fast die Hälfte, nämlich 890 000 Euro als Fördergeld vom Land Thüringen. Weiterhin hat die Gemeinde einen Kredit über 600 000 Euro aufgenommen und weitere 500 000 Euro kamen aus den Baukostenzuschüssen der Bürger und Eigenmitteln.

Bürgermeister Hans-Jürgen Heitsch freut sich, dass die Gedanken, die er über Jahre mit sich herumgetragen hatte, endlich Realität geworden sind. “Wir machen das, was der technische Fortschritt hergibt und wir machen das für unsere Leute”.

Katja Schmidtke

Katja Schmidtke über Mut und das Geschick der Göllnitzer

Visionen sind keine Krankheit

Wer Visionen hat, muss nicht – so wie von Altkanzler Schmidt vorgeschlagen – zum Arzt gehen. Manchmal ist es besser, stattdessen mit Planern, Ingenieuren, Banken und Fördermittelgebern zu sprechen. So wie im Fall Göllnitz.

Die Gemeinde ist im Altenburger Land ein Vorreiter und neben Schlöben im Saale-Holzland-Kreis auch in Ostthüringen eine Ausnahme. Denn das kleine Göllnitz hat die Energiewende längst umgesetzt, auch ohne Kanzlerin Angela“Merkel (CDU), Bundesminister für besondere Aufgaben Peter“Altmeier, vormals Umweltminister (CDU) und Wirtschaftsminister Sigmar“Gabriel (SPD).

Wasser, Abwasser und nun auch Nahwärme betreibt die Kommune im Eigenbetrieb und macht sich dabei natürliche Kreisläufe zunutze. Aus den vermeintlichen Abfällen der Landwirtschaft wird Gas gewonnen, dieses wird verstromt und die dabei anfallende Wärme wird genutzt, um Wohnzimmer und Betriebe zu beheizen. Ach so, und der Bürgermeister ist kein Mitglied bei den Grünen, sondern in der FPD.

Die Chancen des Markts hat Bürgermeister Heitsch ebenso für seine Gemeinde genutzt wie Förderrichtlinien und die richtigen Organisationsstrukturen. Energieautark und unabhängig von fossilen Brennstoffen kann gerade im ländlichen Raum zum Vorteil werden. Göllnitz, zur Nachahmung empfohlen. Nicht nur im Altenburgischen.

Katja Schmidtke