21.03.2015 | OVZ

“Wollt ihr mit auf die Fahrt ins Blaue?”

Gut besuchtes Bürgerforum zu Saller-Projekten offenbart: Stadträte wissen zu wenig

VON ELLEN PAUL

Altenburg. Braucht Altenburg ein neues Fachmarktzentrum an der Leipziger Straße oder nicht? Diese Frage scheint interessant genug zu sein, um mitten in der Woche den Gastraum im Friesenheim komplett zu füllen. Rund 40 Skatstädter wollten sich vorgestern Abend die Debatte – initiiert von der Bürgerbewegung Pro Altenburg – nicht entgehen lassen. Unter ihnen auch Stadträte anderer Fraktionen sowie rund ein halbes Dutzend von Innenstadthändlern.

Letztere waren besonders wissbegierig auf Neuigkeiten rund um den Grundsatzbeschluss des Stadtrats zu den Saller-Investitionen. Bestens vorbereitet zeigte sich hier einmal mehr Detlef Zschiegner (FDP), der sich intensiv auf die Spuren des in Weimar ansässigen Investors begeben hat. Wenn man beispielsweise die Neue Mitte in Jena, das Gera-Karree oder die Galerie Rudolstadt anschaue, dann wisse man ungefähr, was auf Altenburg zukomme, so der Liberale, der selbst ein Geschäft in der Baderei betreibt: Zweckbauten mit oftmals dem gleichen Branchenmix.

Zschiegner nannte unter anderem das dänische Bettenhaus, Rossmann, Meyer-Schuhe, Deichmann, AWG oder Ernstings Family und in jedem Fall einen namhaften Lebensmittelmarkt als sogenannten Ankermieter. “Das wird eindeutig zu einem Umlenken der Kundenströme führen. Sehr zum Schaden der Innenstadt und zur Freude beispielsweise von Expert-Jäger, dem Freund und Trauzeugen des Oberbürgermeisters”, so Detlef Zschiegner mit Blick auf die Vehemenz, mit der das Stadtoberhaupt die Saller-Ansiedlung betreibe.

Welche Filialisten allerdings genau nach Altenburg an den Stadtrand sowie in das Parkhaus in der Innenstadt kommen sollen, ist nicht bekannt. “Darüber hüllt sich Saller bislang in Schweigen”, erklärte Pro-Altenburg-Chef Peter Müller auf Nachfrage. Johannes Schaefer (Grüne/Stadtforum) pflichtete bei, dass die Stadträte eigentlich gar nicht wissen, was genau sie da beschließen sollen. Man kenne weder die Kubatur noch die Handelssortimente. Auch er wisse konkret nur von den Lebensmittelmärkten, was im Fall der Innenstadt – im Parkhaus soll auch Einzelhandel angesiedelt werden – dem nahe gelegenen Konsum inzwischen ziemliche Bauchschmerzen bereite. Was Holger Schulze vom gleichnamigen Fleischerei-Fachgeschäft in der Sporenstraße zu der Bemerkung veranlasste: “Der Stadtrat wird behandelt wie eine Schulklasse: Wollt ihr mit auf die Fahrt ins Blaue?”

“Doch vor Konkurrenz kann niemand geschützt werden, auch nicht von uns”, räumte Pierre Menestrieré von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Gera ein. Die generelle Positionen der IHK seien hingegen schon klar. Städte, die weiter Einwohner verlieren, müssen sich auf die Mitte konzentrieren, sei eine der Prämissen. Neuansiedlungen sollten in zentraler Lage erfolgen. “Am Ende ist es aber eine politische Entscheidung, ob für die Saller-Projekte ein Bauleitverfahren eröffnet wird”, so Menestrieré.

“Die Fachwelt sagt ,Macht es nicht!' und wir sollen es trotzdem machen”, bedauerte Johannes Schaefer und erinnerte an die Ablehnung des Modeparks Röther durch das Landesverwaltungsamt: Innenstadtrelevantes Sortiment gehöre nicht an den Stadtrand.

Kommentar

Was ist bei Saller denn anders?

VON ELLEN PAUL

Die kontroverse Debatte um den Modemarkt Röther an der Leipziger Straße hatte im Altenburger OB-Wahlkampf 2012 für ziemliche Verwerfungen gesorgt. Umso mehr darf verwundern, wieso die Diskussion um das ähnliche Saller-Projekt an gleicher Stelle bislang dahinplätschert wie die Blaue Flut mangels ergiebigen Regens.

Das hat einen einzigen Grund: Den Innenstadthändlern ist ihr Sprachrohr abhanden gekommen. Die Werbegemeinschaft existiert nur noch auf dem Papier, und jemand anderes hat sich bisher nicht verantwortlich gefühlt, die Interessen der Geschäftsleute in der City zu vertreten. Das könnte irgendwann ein böses Erwachen geben. Denn nur wer den Stadträten seine Meinung kundtut, kann auch von ihnen gehört werden.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Niemand braucht solche verbale Attacken wie vor drei Jahren. Hier war das (Augen)-Maß angemessener Kritik längst verloren gegangen. Doch Antworten auf offene Fragen einzufordern und diese auch zu geben, sollte zum guten Umgangston gehören. Nur wer sachlich informiert ist, kann auch fundiert entscheiden.

Sonst bleibt am Ende womöglich wieder nur der Gang vor Gericht. Denn etwas gegen das Fachmarktzentrum zu unternehmen, hat der Windischleubaer Bürgermeister Gerd Reinboth – Gast beim vorgestrigen Bürgerforum – schon mal vorsorglich in Aussicht gestellt. Kein Wunder: Altenburg hat dies gegen das gleichlautende Saller-Vorhaben in der Nachbargemeinde ja auch getan.

e.paul@lvz.de