12.09.2015 | OVZ

Leerstand, Konkurrenz, Öffnungszeiten:

Wer macht in Altenburg ein Geschäft?

Vorstellung des Einzelhandelskonzepts stößt bei Einzelhändlern auf wenig Interesse

VON ELLEN PAUL

Altenburg. Welche Zukunft hat der Einzelhandel in den nächsten zehn Jahren in Altenburg? Wohin geht die Reise angesichts einer unter dem Bundesdurchschnitt liegenden Kaufkraft, einer immer älter werden Bevölkerung und eines weiterhin prognostizierten Einwohnerschwunds? Was wird mit den Zentren auf der grünen Wiese und dem Knatsch mit den Umlandgemeinden? Wer dazu handfeste Informationen haben wollte, war vorgestern Abend im Goldenen Pflug genau richtig. Denn da wurde der Entwurf des neuen Einzelhandels- und Zentrenkonzepts 2025 für die Stadt Altenburg erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert.

So breit indes ist diese Öffentlichkeit nicht gewesen. Denn der Saal im ersten Obergeschoss war nicht besonders üppig gefüllt und zog insbesondere Stadträte und Vertreter anderer Körperschaften an, weniger aber diejenigen, um deren Zukunft es ging: Einzelhändler. Dabei hätten sie hier die wichtigsten Eckpunkte der von der BBE Handelsberatungs GmbH erarbeiteten, fast 130 Seiten starken Studie aus ersten Hand erfahren können.

Denn Mathias Vlcek von der Erfurter Niederlassung des Unternehmens erwies sich als exzellenter Kenner der aktuellen Situation in der Skatstadt und des Umlandes. So war beispielsweise zu erfahren, dass es in Altenburg derzeit rund 60000 Quadratmeter Einzelhandelsverkaufsfläche gibt, die Fachmärkte rund um die Stadt herum in Oberlödla, Windischleuba und Nobitz es aber auf fast genauso viel bringen: 54000 Quadratmeter. Und das, so Vlcek, obwohl sie nicht einmal ein Grundzentrum seien und damit eigentlich nur einen Versorgungsauftrag für die eigene Bevölkerung hätten. Für den Fachmann “eine krasse Fehlentscheidung”. Und das Ende der Fahnenstange sei noch immer nicht erreicht. In Nobitz beispielsweise werde mit einem Sonderpreis-Markt weiter aufgerüstet.

Altenburg hingegen habe derzeit mit einem ziemlichen Leerstand zu kämpfen – im City Center mit 3000 Quadratmetern, im Osterland-Center mit 3500 Quadratmetern, um nur die größten zu nennen. Die in der Diskussion aufgemachte Forderung, in der Skatstadt nicht neu zu bauen, sondern die vorhandenen Objekte zu nutzen, wiesen sowohl Mathias Vlcek als auch Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) als nicht umsetzbar zurück, weil man keinem Investor Vorschriften machen könne, wo er ein Geschäft aufmacht. Und: “Wenn eine Immobilie falsch konzipiert und falsch bewirtschaftet wird, ist sie bald tot”, so Vlcek mit Blick auf das ACC. Der OB bezeichnete das Objekt sogar als “hinterwäldlerisch”, doch das sei dem Eigentümer, einem Immobilienfonds, ziemlich Wurst. Hohe Mietforderungen würden ein übriges tun.

Natürlich war auch das geplante Fachmarktzentrum an der Leipziger Straße ein heiß diskutiertes Thema. Bürgermeisterin Kristin Moos verteidigte das Projekt, denn es sei an eine Investition in der Innenstadt gekoppelt, die Saller sonst nie tätigen würde.

Zudem ging es erneut um die Öffnungszeiten. Pierre Jacobson, Filialleiter der Drogerie Müller, bedauerte außerordentlich, dass die meisten Geschäftsleute schon lange wieder abgesprungen seien. Doch wochentags bis 19 Uhr und sonnabends bis 16 Uhr sei zwingend erforderlich, vor allem wenn bei Touristen gepunktet werden wolle. “Bevor ich frage, was die Stadt für mich tut, muss der Händler auch etwas tun”, sagte er mit Blick auf eine entsprechende Anfrage einer Kollegin.

Kommentar

Einzelhändler lassen Wünsche offen

VON ELLEN PAUL

Detlef Zschiegner, Stadtrat und Einzelhändler, unternahm vorgestern Abend noch einen Versuch zur Ehrenrettung seiner Kollegen. Dass nur wenige Geschäftsleute zur Vorstellung des neuen Altenburger Einzelhandelskonzepts gekommen sind, liege an der Anfangszeit der Veranstaltung. 18 Uhr sei für einen Händler einfach nicht händelbar. Ein missglückter Versuch, denn leider steht zu vermuten, dass auch eine spätere Anfangszeit am bedauerlichen Desinteresse wenig geändert hätte.

Denn es ist ein Spiegelbild der aktuellen Situation und einer jahrelangen Tendenz gleichermaßen. Erstens haben die Händler seit Monaten tatenlos zugesehen, wie ihre Interessengemeinschaft den Bach runter ging. Die einst so starke und namhafte Werbegemeinschaft existiert nur noch auf dem Papier – ein zahnloser Papiertiger im wahrsten Sinn des Wortes. Und zweitens machen die Altenburger Geschäftsleute immer wieder mit Forderungen an die Stadtverwaltung von sich reden, ohne sich selbst auch zu fordern.

Jüngstes Beispiel sind die vereinbarten längeren Öffnungszeiten vor allem am Sonnabend, die nur ganz wenige noch anbieten. Die Stadt aber ist ihrem Part, dem kostenlosen Parken nachgekommen. Vorgestern hat der OB hier – noch ziemlich unkonkret – Veränderung angekündigt. Eine überaus bedauerliche Entwicklung.

e.paul@lvz.de