30.08.2008 | OVZ

“Sind wir nur die Abnick-Auguste?”

Jugendhilfeausschuss empört über Alleingang des Landratsamts / Volkssolidaritäts-Chef Uwe Burkhardt erleidet während der Debatte Herzinfarkt

Altenburg. Die Debatte entbrannte bereits, als es noch um die Tagesordnung ging. Und sie nahm eine Entwicklung, wie sie im Jugendhilfeausschuss sonst kaum zu erleben ist. Volksvertreter äußerten Unmut gegenüber dem Landratsamt, fühlten sich von der Verwaltung vor den Kopf gestoßen. Noch während der Sitzung erlitt Uwe Burkhardt, Chef der Volkssolidarität, einen Herzinfarkt. Er ist nach OVZ-Informationen inzwischen auf dem Weg der Besserung, befindet sich im Krankenhaus.

Das beherrschende Thema an diesem Mittwochabend: die ambulanten Erziehungshilfen des Landkreises. Hinter dem sperrigen Behördenbegriff verbergen sich hunderte Kinder, Jugendliche und Eltern im Altenburger Land, die in schwierigen sozialen Verhältnissen stecken und von Sozialpädagogen, Psychologen und Familienhelfern betreut werden. Drei Träger kümmern sich im amtlichen Auftrag um die Koordination dieser Arbeit: Magdalenenstift, Volkssolidarität und Innova Sozialwerk. Allen dreien jedoch kündigte das Landratsamt nun die Verträge zum 31. März 2009 (OVZ berichtete). Stattdessen wurde eine Neuvergabe der Erziehungshilfen per Ausschreibung auf den Weg gebracht.

Was viele Jugendhilfeausschuss-Mitglieder aufregt: Sie haben nur auf Umwegen – zum Beispiel aus der Zeitung – von dem Einschnitt erfahren, obwohl sie sich als Fachgremium des Kreistages zuständig fühlen. Entsprechend angespannt war die Stimmung zur Tagung im Ratssaal des Landratsamtes. Zumal der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt war – vor allem mit Mitarbeitern der betroffenen Träger.

Beinahe wäre die breite Zuhörer-Riege sogar umsonst gekommen. “Ich hatte vor, im nichtöffentlichen Teil etwas dazu zu sagen”, meinte Vize-Landrätin Christine Gräfe (CDU), in der Behörde zuständig fürs Soziale. Doch Dirk Keiner, Geschäftsführer des Magdalenenstifts, brachte gleich zu Beginn das Problem auf den Tisch. Er hatte zwei Anträge zum Thema gestellt, die sich auf der Tagesordnung nicht wiederfanden. Es mangele an Dringlichkeit, bekam er zur Antwort. Doch Keiner ließ nicht mehr locker. “Ich möchte Sie jetzt fragen, Frau Gräfe, da ich sonst nicht zum Zuge komme, warum der Vertrag gekündigt wurde.” Was folgte, war eine rund einstündige Debatte voller Emotionen.

Immer wieder wurde die Frage nach dem Warum gestellt. “Die Kündigung erfolgte, ohne dass zuvor über fachliche Dinge diskutiert wurde”, monierte Dirk Keiner. “Warum wird nicht über Inhalte gesprochen?”, wollte auch Marlies Ehrlich von der Arbeiterwohlfahrt wissen.

Denn in der Kündigung, mitgeteilt am 12. Juni, sei vom Vergaberecht und dem Kreishaushalt die Rede, jedoch nicht von möglicher Kritik an der Qualität der Arbeit, berichtet Keiner. Noch dazu komme der Schlussstrich zu unerwarteter Zeit. Fünf Monate lang hätten die freien Träger zuvor mit dem Jugendamt an einem neuen Konzept gefeilt, um die Zusammenarbeit effektiver zu gestalten und Hilfen besser auf Einzelfälle zuzuschneiden. All das hängt nun in der Luft Auf inhaltliche Belange ging Christine Gräfe jedoch auch während der öffentlichen Ausschuss-Sitzung nicht ein, berief sich auf “laufende Geschäfte der Verwaltung”, die nicht in den Ausschuss gehörten. Zum Missfallen der Volksvertreter. Robby Tänzer vom Kreisjugendring sieht das Vertrauensverhältnis zum Landratsamt gefährdet, “wenn der Verwaltung jeglicher Instinkt fehlt, wie man miteinander umgeht. Sind wir hier nur die Abnick-Auguste?”, fragte er. Karsten Schalla (FDP) wollte schließlich per Antrag “ein Zeichen setzen, dass der Ausschuss mit der Verwaltung nicht konform geht”. Eine Willensbekundung gegen die Kündigung, die im Moment weiterhin Bestand hat. Der Antrag wurde mit einer Enthaltung angenommen.

Dirk Keiner setzt nun auf eine Einigung mit dem Landratsamt, will gemeinsam Lösungen suchen. “Es geht ja insbesondere um die betroffenen Kinder und Jugendlichen”, betont er. Sie könnten schon bald ihre vertrauten Ansprechpartner verlieren.

Kay Würker