24.10.2015 | OVZ

In Altenburg darf es weiter tierisch wild zugehen

CDU beantragt Auftrittsverbot für Zirkusse mit Wildtieren / Vorschlag fällt im Stadtrat knapp durch

VON THOMAS HAEGELER

Altenburg. In Altenburg wird es weiterhin Wildtiere bei Zirkusgastspielen zu sehen geben. Der CDU-Antrag zur entsprechenden Änderung der Festplatzbenutzungssatzung (die OVZ berichtete) fiel am Donnerstagabend im Stadtrat durch – allerdings nur knapp. Denn den 16 Befürwortern eines Auftrittsverbots von Betrieben mit wilden Tieren standen ebenso viele Gegner gegenüber. Bei einem Patt gilt der Antrag als abgelehnt. Somit kam den drei Enthaltungen entscheidende Bedeutung zu. Dass darunter neben Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) auch Kerstin Krist (Grüne) waren, ist bemerkenswert, weil ihre Parteien seit Jahren zu den treibenden Kräften für ein bundesweites Halteverbot von Wildtieren in Zirkussen gehören – genauso wie die SPD, die den Antrag vollends ablehnte.

Dem extrem engen Ausgang entsprechend emotional verlief die über einstündige Debatte. „Tiger, Elefanten, Bären, Giraffen und Co. sollten überhaupt nicht im Zirkus leben, nur um unserer Unterhaltung zu dienen“, begründete CDU-Fraktionschef André Neumann den Antrag. „Eine artgerechte Haltung ist einfach nicht möglich, wenn Tiere einen Großteil ihres Lebens in Käfigen und Transportwagen eingepfercht sind.“ Dass sie in Manegen zur Schau gestellt werden, sei ein Relikt aus Zeiten, in denen es exotische Tiere nur im Zoo oder im Wanderzirkus zu sehen gab. „Heute gibt es aber dank moderner Medien andere Möglichkeiten, diese Kindern nahezubringen.“

Anhand des zuvor eingeholten Stimmungsbildes wisse er zwar, dass man die Abstimmung nicht gewinnen könne, trotzdem wolle man die Vorlage nicht zurückziehen, sagte Neumann weiter. „Es ist eine Herzensangelegenheit.“ Im Anschluss widmete er sich Argumenten der Gegner. So entscheide man nicht über die Köpfe der Bürger hinweg, weil man vorab mit ihnen geredet und entsprechendes Feedback bekommen habe. Denen, die meinten, das Erlebnis Zirkus sei ohne Wildtiere nicht mehr dasselbe, entgegnete er: „Es gibt heute schon viele Zirkusse, die das mit Akrobatik, Show und Clowns mehr als wett machen.“ Die fehlende Rechtssicherheit wischte er mit Verweis darauf vom Tisch, dass bisher noch kein Oberlandesgericht das Auftrittsverbot einer Kommune gekippt habe.

Das sah etwa Norman Müller anders. „Der Antrag differenziert nicht“, erklärte der Vorsitzende der SPD-Fraktion seine Bauchschmerzen. Nicht jeder Zirkus quäle seine Tiere. „Außerdem hat der Beschluss nur begrenzte Auswirkung. Der Tierschutz endet an den Stadtgrenzen.“ Zudem wolle er die Bürger „lieber richtig befragen“ und habe auch beim letzten Gastspiel keinen Protest gesehen.

Kritik kam auch vom Fraktionschef der Linken, Harald Stegmann, der zwar den Tierschutz als Anliegen aller Fraktionen im Stadtrat ansieht, aber die Festplatzbenutzungssatzung für das falsche Mittel hält: „Dafür gibt es Gesetze im Bund und es ist nicht unsere Aufgabe, deren Einhaltung zu kontrollieren.“ Zudem halte er ein grundsätzliches Auftrittsverbot für Unternehmen mit einer entsprechenden Berechtigung für hoch problematisch. Dieselbe Tendenz gab es auch bei Pro Altenburg. „Ich finde es faszinierend, was die Dompteure mit den Tieren machen“, sagte deren Vorsitzender Peter Müller. „Aber dem Stadtrat steht die Entscheidung nicht zu, sondern es entscheidet der Besucher. Wenn André Neumann Recht hat und die Leute ausbleiben, erledigt sich das Thema von selbst.“

An diesen Meinungen konnten auch die flammenden Reden der Befürworter Detlef Zschiegner (FDP) und Christoph Zippel sowie Sandy Reichenbach (beide CDU) nichts ändern. Obwohl Letztgenannter vor allem die rechtlichen Bedenken zu Berufs- und Auftrittsverbot reduzierte. Aufgeben wollen die Christdemokraten das Thema dennoch nicht, kündigte André Neumann vom Ergebnis angestachelt an. „Wir werden ganz sicher einen neuen Anlauf wagen.“

Kommentar

Tierschutz-Debatte entfacht

VON ELLEN PAUL

Muss sich ein Stadtrat wirklich auch noch um Zirkustiere kümmern? Gibt es in Altenburg nicht genug andere Probleme? – Auf den ersten Blick ist der Antrag der CDU-Fraktion, Zirkussen mit Wildtieren künftig den Auftritt in der Skatstadt nicht mehr zu erlauben, durchaus etwas abwegig.

Doch auf den zweiten Blick ist der Vorstoß der Christdemokraten ziemlich bemerkenswert. Denn sie sind die ersten, die dieses Thema auf die Tagesordnung gebracht haben. Und dies nicht von ungefähr angesichts der regelmäßigen Beschwerden von Tierschützern und einfach besorgten Bürgern, die bei jedem neuen Zirkusgastspiel auch unsere Redaktion erreichen. Vielleicht wird dadurch eine Debatte angestoßen, die zum Nachdenken anregt.

Es sei nur daran erinnert, wie viele Jahre, ja Jahrzehnte lang es gang und gäbe war, dass Familien mit ihren Kindern massenhaft Brot an die Enten und Schwäne am Großen und Kleinen Teich verfütterten. Das war als Erlebnisausflug für die Jüngsten fest eingeplant – ohne an die Folgen für die Tiere zu denken. Erst als sich der Verein „Wildenten, Schwäne und Co.“ gründete und sich für ein Fütterungsverbot stark machte, wurde nach und nach damit aufgehört. Und es gab deswegen nicht einmal ein Wehgeschrei.

Dennoch bleibt es natürlich unbenommen, dass diese Entscheidung eigentlich in die Hoheit des Bundes gehört – damit sich Stadträte wirklich mit den Problemen ihre ihrer Stadt beschäftigen können.

e.paul@lvz.de