25.06.2004 | OVZ

Filmreife Stunts und ein Wolf hinter jedem Baum - was Wahlwerbung so bewirkt

In den vergangenen Wochen lag das Geld auf der Straße. Auf der Lindenaustraße. Und keiner hat's gemerkt und eingesammelt.

Wirklich komisch angesichts leerer Kassen. Denn hätte die Polizei dort, in der Lindenaustraße, eine Verkehrskontroll-Station installiert, wäre sie auf eine wahre Goldader gestoßen. Was da in Höhe des Landratsamtes an waghalsigen Manövern zu beobachten und sicher auch bußgeldmäßig zu ahnden gewesen wäre – einfach filmreif.

Da wurde auf die Klötzer gestiegen und links raus geschnibbelt, was das Zeug hielt. Dem folgte dann immer das gleiche Ritual: Scheibe runter, Kopf raus, lesen, lachen, weiterfahren. Und das alles wegen eines großen, quietschgelben Plakats, auf dem die Liberalen des Altenburger Landes ihre “Gemeinheiten” in Sachen Wahl verkündeten. Zielscheibe war größtenteils der Landrat, der aus seinem Amtszimmerfenster genau vis-à-vis die in schöner Regelmäßigkeit gewechselten Aufschriften lesen konnte, sollte, musste.

Wirklich schade, dass diese Goldader niemand angezapft hat. Man hätte das Areal ja auch abzäunen und ein Betrachter-Salär kassieren können. Die FDP selbst jedenfalls könnte das Geld gut gebrauchen. Denn mit ihren Großplakaten – ein zweites steht am Theater – war das Wahlbudget offenbar ausgeschöpft, essig in der Kasse sozusagen. Für Wahlwerbung der FDP-Kandidaten in Altenburg reichte es jedenfalls nicht mehr. Die mussten sich selbst helfen. Mit computerbeschrifteten, um jeden Lichtmast auf dem skatstädtischen Markt handgetackerten Zetteln machten sie fünf Tage vor Ultimo richtig Stimmung für sich und gegen die Konkurrenz. Vor allem gegen die Weiter-geht's-Partei.

Eine im Gegensatz zu den freien Demokraten offensichtlich überaus potente Gruppierung. Denn ihre in blau und nur ein ganz klitze-klein-wenig in rot gehaltene Werbung ist seit Wochen in Altenburg so gut wie an jedem Mast zu finden. Nur – oh Schreck – freilich auf dem Wahlzettel am Sonntag nicht. Dort sucht der Altenburger Wähler die Weiter-geht's-Partei ebenso vergeblich wie die Altenburg-Liste, mit der die gleiche Truppe um Stimmen wirbt. Nur wer mit dem Fernglas ausgerüstet auf skatstädtischen Straßen auf der Pirsch ist oder Flyer mit der Lupe liest, entdeckt auf den Plakaten rechts unten das SPD-Zeichen. Geldsorgen dürften wohl kaum die Ursache für den Kleindruck gewesen sein.

Dass mit der Kanzler-Partei momentan in Deutschland kein Staat zu machen ist, meinen offenbar auch zwei von der SPD eingekaufte Prominente. Sie werben weiter ungeniert unter der Marke ihrer gescheiterten Unabhängigen Wählergemeinschaft, obwohl ihre Namen offiziell auf SPD-Listen stehen.

So ein bisschen Etikettenschwindel, mein Gott – meinen die Genossen, und können die Aufregung der Journaille und der Konkurrenz nicht verstehen. Also lauert in Altenburg wacker weiter seit zwei Wochen fast hinter jedem Baum ein Wolf. Finanzpolitisch gesehen ist es immerhin gut angelegtes Geld. Denn diese Plakate mit dem Konterfei des Spitzenmannes lassen sich in zwei Jahren prima wiederverwenden – wenn es wirklich um die Oberbürgermeisterwahl geht.

Abnehmen, einmotten und aufheben heißt es also für die SPD. Abnehmen und wegschmeißen würden die Werbestrategen wahrscheinlich der CDU raten. Sie präsentierte sich – vielleicht ist ihr auch das Geld ausgegangen – hausbacken und einfallslos. Zumindest im öffentlichen Raum.

Und die PDS hielt sich ganz zurück. Sie sprühte nur ab und an in Mitteilungsblättchen vor Ideen und spritzigen Texten. Was hoffen lässt, dass es in den nächsten fünf Jahren auch mal mit einer ordentlichen Öffentlichkeitsarbeit etwas wird.

nelle