12.07.2004 | OTZ

Applikationszentrum sorgt weiter für Wirbel

Nach Scheitern nun Kritik an lokalen Akteuren

Altenburger Land (OTZ). Die Entscheidung der Thüringer Technologiestiftung, das Kunststoff-Zentrum in Hermsdorf anzusiedeln und nicht im Altenburger Land, sorgt in der Region für Wirbel.

“An diesem Projekt”, lässt FDP-Kreisvorsitzender Karsten Schalla in einer Pressemitteilung verlautbaren, “zeigt sich das Scheitern einer ganzen Region.” Zuerst habe Landrat Sieghardt Rydzewski (SPD) dem Wirtschaftsverein, der die Idee zu dem Projekt hatte, das Heft aus der Hand genommen. “Viele Ideen und Kontakte, die der Wirtschaftsverein aufgebaut hatte, hat Rydzewski verworfen. Das Ergebnis haben wir jetzt. Hochmut kommt vor dem Fall, und mit der Entscheidung ist das Altenburger Land ein weiteres Mal ins Leere gefallen”, verleiht Schalla seiner Kritik am Landrat Ausdruck.

Doch auch die Uneinigkeit innerhalb der beteiligten Firmen und persönliche Eitelkeiten seien mit Schuld daran, dass Hermsdorf den Vorzug erhalten habe. Man werde bei vergleichbaren Projekten auch in Zukunft scheitern, wenn es nicht gelänge, den Graben zwischen Altenburg und Schmölln zuzuschütten, heißt es weiter. “Es kann nicht sein, dass ein anderer Standort im Landkreis für manche Beteiligte schwerer zu akzeptieren ist als ein Standort außerhalb des Landkreises.”

Nach Schallas Meinung trage auch die CDU eine gewisse Mitschuld: Den Altenburger CDU-Abgeordneten sei es weder im Vorfeld noch jetzt, direkt nach der Wahl, gelungen, eine positive Entscheidung für das Altenburger Land durchzusetzen.

Ähnlich sieht es auch der Wirtschaftsverein Altenburger Land: “Nicht Erfurt hat dem Altenburger Land eine Chance genommen, sondern wir haben die Chance, das Applikationszentrum im Landkreis zu platzieren, selbst verspielt”, heißt es ebenfalls in einer Presserklärung.

Jetzt die Schuld auf andere zu schieben oder nach zwei haushoch verlorenen Wahlen gen Erfurt parteipolitisch nachzutreten, sei das falsche Zeichen, kritisierte der Verein Äußerungen von Landrat Sieghardt Rydzewski.

Weiter meint der Wirtschaftsverein: “Die Verantwortung für das Scheitern der Ansiedlung liege bei einem Landrat und einem Kreistag, die sich lange nicht zwischen Altenburg und Schmölln entscheiden wollten, bei den beiden Städten, die sich nicht einigen konnten, und bei uns allen, die in solchen wichtigen Standortfragen nicht an einem Strang ziehen.

Die PDS Altenburger Land kritisiert dagegen vor allem die Landesregierung in Erfurt: “Thüringen hört für sie offenkundig am Hermsdorfer Kreuz auf”, heißt es in einer Erklärung der Altenburger Landtags-Vizepräsidentin Birgit Klaubert.

Die Sozialisten wollen deshalb in den Kommunalparlamenten die Mitgliedschaft in der Aufbaugesellschaft Ostthüringen zur Diskussion stellen.

Die AGO ist eine Tochter der Landesentwicklungsgesellschaft, die von der Entscheidung für Hermsdorf profitiert.

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Ganz viele Erklärungen

Von Jana Borath

Das Applikationszentrum für Präzisionskunststofftechnik entsteht in Hermsdorf. Warum es nicht im Altenburger Land angesiedelt wird, dafür gibt es jetzt ganz viele Erklärungen. Zum Beispiel: Die Landesregierung sei schuld, weil deren Blick nur bis Hermsdorf reiche. Oder: Vermasselt habe es der Landrat, weil er das Kind alleine schaukeln wollte. Sowie: Die Städte Schmölln und Altenburg seien mit ihrer lokalen Konkurrenz ebenso Schuld am geplatzten Traum, wie Unternehmen, die sich in der Frage Applikationszentrum lange nicht grün gewesen sein sollen. Ach ja, Selbstkritik darf nicht fehlen: Die Chance hätten wir uns selbst genommen. Hinterher ist man immer schlauer, das ist nicht neu. Doch ob man im Landkreis nun die richtigen Schlussfolgerungen zieht, ist zu bezweifeln. Die begonnene Suche nach dem bzw. den vermeintlich Verantwortlichen für das Scheitern der Standortbewerbung des Kreises verdeutlicht einmal mehr, wo die Säge offenbar gehörig klemmt. Es scheint nämlich, als verstünden sich gut zehn Jahre nach Kreis- und Gebietsreform die Akteure in Altenburger und Schmöllner Region sowohl auf politischer als auch wirtschaftlicher Ebene noch immer Gegner. Fatal wird das, muss man sich mit einer Stimme als ein Landkreis, als eine Wirtschaftsregion ins rechte Licht rücken, um einen großen Wurf zu landen. Hochglanzbroschüren mit bunten Bildchen drin übers Altenburger Land reichen dafür eben doch nicht aus.