19.09.2005 | OVZ

Jubelnde Verlierer und traurige Sieger

Altenburg. Strahlender Sonnenschein den ganzen Tag, doch am Abend auch jede Menge trübe Gesichter.So wird zumindest für Politik-Fans der gestrige Wahl-Tag in Erinnerung bleiben. OVZ-Reporter erlebten die entscheidenden Minuten auf den Altenburger Wahlpartys von CDU,SPD, Linkspartei und FDP mit – nur die Grünen feierten mangels Masse in Erfurt.

SPD: Freude trotz Verlusten

Die Altenburger Sozialdemokraten hatten offensichtlich Angst vor der eigenen Courage. Kurz vor 18 Uhr saß Direktkandidat Andreas Schumann mit gerade mal fünf Getreuen im Lokal der Gartenanlage “Fortuna”. An den Nachbartischen wurde “geknobelt” oder geskatet, ein Dackel strich durch die Stuhlreihen. Nur die große Leinwand, auf die das Fernsehprogramm gebeamt wurde, zeugte von einem besonderen Tag in der kleinen Kneipe.

Gerade noch rechtzeitig für die Prognose kam zumindest der SPD-Kreisvorsitzende Hartmut Schubert. Und hatte gleich Grund zu unerwarteter Freude. “Schwarz-Gelb kann nicht regieren!” Und das wiegt offensichtlich mehr, als die fünf Prozent, die die SPD verlor. Nun hofft Schubert insgeheim auf eine “Ampel”, denn die Große Koalition wäre nicht so sein Fall.

Auch Altenburgs OB Michael Wolf reagiert zuerst auf die Konkurrenz. “Die CDU liegt deutlich unter ihren Erwartungen und Prognosen. Der Wähler hat offensichtlich begriffen, dass Reformen notwendig sind. Aber er will nicht den eiskalten, unsozialen Kapitalismus.” Er sei guter Hoffnung, sagt Wolf, dass nun Mehrheiten gefunden werden, die Deutschland voranbringen.

Mittlerweile füllt sich der Raum zusehends, werden Tische zusammengerückt, wird der Geräuschpegel größer. Nur Schumann sitzt ganz vorn und schaut gebannt auf die Leinwand. “Wir haben nicht gewonnen, aber Schwarz-Geld verhindert.” Je mehr sich die Hochrechnungen verfestigen, desto größer werden seine Hoffnungen, das Direktmandat zu holen.

CDU: Versteinerte Gesichter

Bei der zweiten Zahl versteinerten die Gesichter. Nur gut ein Dutzend CDU-Anhänger hatte sich kurz vor 18 Uhr bei Rotwein, Selters und Salzstangen in der Altenburger Geschäftsstelle versammelt. Doch als die ARD-Prognosezahl von nur 35,5 Prozent über den Bildschirm flimmerte war's mit der Freude vorbei, die zuvor beim SPD-Wert von 34 Prozent für Sekunden aufgeflackert war.

Und die Fassungslosigkeit wurde mit jeder Hochrechnung größer. “Fünf Millionen Arbeitslose, und dann so was”, meinte einer. “Der freut sich jetzt”, so der Altenburger Stadtrat Christian Götze verbittert, als Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber vor die Kamera trat.

“Natürlich sind jetzt viele unserer Anhänger enttäuscht”, so CDU-Kreisvorsitzender Christian Gumprecht. “Schließlich haben wir mit viel Engagement für eine andere Politik gekämpft. Jetzt werden wir viele Abstriche machen müssen. Aber das haben die Wähler so gewollt.”

“Ich bin riesig enttäuscht”, bestätigte auch der stellvertretende Altenburger Stadtrats-Fraktionschef Peter Müller. “Für Deutschland ist das eine Katastrophe.” Andererseits, so räumte er ein, habe er in vielen Gesprächen auch immer die Angst der Menschen vor zu allzu großen Veränderungen gespürt.

Mit jeder neuen Hochrechnung wuchs in der mittlerweile größer gewordenen Runde die Erkenntnis, dass es mit dem Wechsel wohl wieder nichts wird. So war es eben doch nur Galgenhumor, als Frank Tanzmann von der Jungen Union meinte: “Wir haben ja noch Dresden.”

Linke: Ernüchterung

Man wagte sich nicht so recht an den Rotwein. Verhaltene Stimmung statt Jubellaune. Die zweistellige Prozentzahl, die mancher erwartet hatte, blieb aus. “Ich habe fast das Gefühl, tröstende Worte sprechen zu müssen”, stellte Kreisvorsitzende Michaele Reimann fest – und tat sich nicht schwer mit Aufmunterung: “Wir wollten acht Prozent plus X, und die acht Prozent haben wir erreicht. Damit sind wir die Partei mit den größten Stimmenzuwächsen.” Außerdem, so Reimann, sei das Projekt Linkspartei binnen kürzester Zeit erfolgreich umgesetzt worden.

Zufriedenheit auch bei Direktkandidat Frank Tempel, der das “Hauptziel auch dank des guten Wahlkampfes erreicht” sieht, und bei Vize-Landtagspräsidentin Birgit Klaubert. “Es ist kein furioses Ergebnis, aber ein gutes. Mit 50 Leuten sind wir wieder eine ordentliche Fraktion. Als PDS hätten wir das nicht geschafft.”

FDP: Verlorene Gewinner

“Die FDP ist der Gewinner dieser Wahl”, Karsten Schalla, Kreisvorsitzender der FDP strahlt über's ganze Gesicht, als er die erste Hochrechnung sieht. “Zweistellig”, sagt er, “wann hat's das für uns das letzte Mal gegeben?” Die fünf Parteifreunde, die mit ihm in der “Villa” feiern, können ihm diese Frage zwar nicht beantworten, sind aber ebenso im Freudentaumel wie Schalla. Der ist überzeugt, dass das Ergebnis für die FDP im Wahlkreis Greiz-Altenburger Land ein gutes sein wird. “Seit wir im Kreistag sind, werden wir ganz anders wahrgenommen.”

Allerdings scheint schnell klar, dass es für eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag nicht reichen wird, der Traum vom Regieren für die FDP trotz sensationellem Ergebnis erstmal ausgeträumt ist. Oder ist die Ampel eine Option? Schalla schüttelt den Kopf: “Gelb und grün in einer Koalition – das passt in keinster Weise zusammen.” Freud und Leid liegen für die FDP also nahe beieinander, denn, so Schalla: “Es ist bitter, dass wir wahrscheinlich nicht mitregieren werden. Viele unserer Ideen sind nur in der Regierung umsetzbar.”

Ellen Paul/Heide Lang/Günter Neumann/Kay Würker