03.05.2006 | OTZ

Zureichende Kredite für Mittelstand

Interview mit dem Landratskandidaten Daniel M. Scheidel (FDP)

OTZ: In Ihrem Wahlprogramm steht, Sie würden als gewählter Landrat die Wirtschaftsförderung zur Chefsache machen. Das hat der bisherige Amtsinhaber ebenfalls so erklärt.

Daniel M. Scheidel: Wirtschaftsförderung als Chefsache ist gut und schön, sie muss allerdings mit Leben erfüllt werden. Und dazu braucht es kompetentes und vorzeigbares Personal.

OTZ: An dem es im Landratsamt folglich mangelt?

Daniel M. Scheidel: Ich will den Mitarbeitern dort nicht zu nahe treten. Zumindest müssen dort aber verstärkt Leute hin, die über Kompetenz und Erfahrung verfügen. Es ist schon merkwürdig, wenn der bisherige Wirtschaftsförderer Grahmann zum Flugplatz wechselt und der bisherige Flughafengeschäftsführer Schlegel dessen Posten im Landratsamt einnimmt. Welche Erfahrungen bringt Letzterer dafür mit? Hat Schlegel jenen Blickwinkel auf Unternehmen, der für deren Belange nötig ist? Ich habe da meine Zweifel.

Und weiter. Wenn der Tourismus bei der Wirtschaftsförderung angesiedelt ist, dann gibt es dafür gute Gründe. Dies funktioniert aber mangels sachkundigen und erfahrenen Personals nicht. Man muss bei uns in jeder Hinsicht besser mit den Städten und Gemeinden zusammenarbeiten. Dies betrifft übrigens auch die Gewerbeentwicklung. Der Landkreis selbst hat ja kaum eigene Flächen für Investoren, also ist er auf die Kommunen angewiesen. Da gibt es auch viele Themen, die gemeinsam berücksichtigt werden müssen, Bebauungspläne, Emissionswerte, beispielsweise. Aus Altenburger Sicht habe ich daher schon vor vier Jahren Kontakte auch zum Schmöllner Bürgermeister, Herbert Köhler, und seiner zuständigen Mitarbeiterin für Wirtschaftsförderung, Carmen Herbig, geknüpft.

OTZ: Hat das Ihrem Dienstherrn, Oberbürgermeister Michael Wolf, gefallen?

Daniel M. Scheidel: Er hat zumindest davon gewusst.

OTZ: Sie wollen die Kreditvergabepolitik der Sparkasse neu ausrichten. Weshalb?

Daniel M. Scheidel: Die Sparkasse Altenburger Land ist eine wichtige Bank, um in der Fläche präsent zu sein. Aber der Kreditvergabe an die mittelständische Wirtschaft wird sie nur unzureichend gerecht. Man kann nicht auf der einen Seite sagen, wir sind hier im Kreis die wichtigste Großbank, und auf der anderen Seite beträgt das Kreditsegment für den Mittelstand gerade mal 23 bis 24 Prozent der Bilanzsumme. Das könnte getrost das Doppelte sein. Als Landrat, zugleich Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse, würde ich hier meinen Einfluss geltend machen. Es gibt genügend Spielraum.

OTZ: Sie sind Mitarbeiter der Altenburger Stadtverwaltung. Weshalb sollten die Wähler Ihnen Führungs-Kompetenz in der Kreispolitik zutrauen?

Daniel M. Scheidel: Kommunalpolitische Kompetenz habe ich mir natürlich vor allem in meiner täglichen Arbeit in der Wirtschaftsförderung erworben. Aber ich nehme in dieser Eigenschaft auch an zahlreichen Stadtrats- und Ausschusssitzungen teil. Ich beschäftige mich mit Baufragen, der Innenstadtbelebung ebenso wie mit den Prinzenraub-Festspielen und der deutschland tour. Da wächst Erfahrung.

OTZ: Welchen Dienstwagen würden Sie als Landrat benutzen?

Daniel M. Scheidel: Einen bescheideneren als der jetzige Amtsinhaber, einen Mittelklassewagen. Übrigens leisten wir uns auch eines der teuersten Einsatzleitfahrzeuge für die Feuerwehr und den Katastrophenschutz. Ich würde einen sofortigen Wechsel zu einem angemessenen, billigeren Fahrzeug veranlassen.

OTZ: Sie wollen Gräben zwischen Altenburgern und Schmöllnern zuschütten. Woher kommen denn die?

Daniel M. Scheidel: Soviel ich weiß, war der Altkreis Schmölln zu DDR-Zeiten das Schlusslicht im Bezirk Leipzig, Altenburg wurde bevorzugt. Das änderte sich nach der Wende. Ich gönne es den Schmöllnern, wenn sie jetzt mehr Selbstbewusstsein zeigen. Aber letztlich müssen beide Regionen zu einem geschlossenen Landkreis zusammenwachsen.

OTZ: Woran mangelt es in Deutschland?

Daniel M. Scheidel: Wir brauchen ein solides Bildungswesen, daran darf nicht geknabbert werden. Ansonsten werden wir wie Pisa zeigt in die Zange genommen. Länder, wie Großbritannien und Frankreich, haben uns im schwierigen EU-Prozess im Hinblick auf unsere osteuropäischen Nachbarn im Stich gelassen. Natürlich gibt es keine Alternative. Da müssen wir durch. Und wir dürfen kein Niedriglohnland werden. Regenerative Energien werden immer wichtiger, da sind uns andere Länder um Nasenlängen voraus.

OTZ: Wie könnte die Arbeitswelt hierzulande in dreißig Jahren aussehen?

Daniel M. Scheidel: Die Heimarbeit dürfte zunehmen, viel wird sicherlich am Computer von zu Hause aus erledigt werden. Arbeitsplätze wird es verstärkt bei den Dienstleistungen geben, bis hin zur privaten Haushaltshilfe, die weiter dereguliert werden muss. Leute im Alter zwischen 25 und 40 Jahren werden gegenwärtig stark belastet: mit Lehre, Ausbildung, Berufseinstieg, Familiengründung. Sie fangen an, Geld zu verdienen. Und mit Mitte/Ende 50 nehmen wir sie raus aus dem Arbeitsprozess? Das kann nicht sein. Wir brauchen Leute, die – hocherfahren – auch im vorgerückten Alter noch arbeiten. Immer mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse bröckeln ab, der Topf wird kleiner, die Ansprüche werden größer. Dabei haben Menschen Land und Vermögen geerbt. Also ist mehr Eigenvorsorge der Menschen nötig. Das sind gewaltige Herausforderungen.
Sie haben für einen Wimpernschlag die globale Macht. Was würden Sie sofort abschaffen?
Armeen.

OTZ: Wo sehen Sie Ihre persönlichen Stärken?

Daniel M. Scheidel: Vor allem in der Kommunikation. Ich kämpfe stets mit offenem Visier, kann mich auch gut in den Standpunkt meines Gegenübers hineindenken. Ich gestehe mir Menschenkenntnis zu. Im übrigen bin ich auch ein guter Verkäufer.

OTZ: Und woran hapert es?

Daniel M. Scheidel: Ich habe einige Schwierigkeiten, immer Ordnung zu halten. Ich finde natürlich alles wieder, brauche aber eine Sekretärin, um die Defizite abzuarbeiten.

OTZ: Was schätzen Sie an anderen?

Daniel M. Scheidel: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Kampfgeist. Das mag ich an Oberbürgermeister Wolf und Bürgermeister Köhler.

OTZ: Wann waren Sie das letzte Mal im Theater?

Daniel M. Scheidel: Vor kurzem, zur Premiere der Westside Story.

OTZ: Welche Sprachen sprechen Sie?

Daniel M. Scheidel: Spanisch und Englisch verhandlungssicher sowie Französisch und Portugiesisch in Grundkenntnissen.

Interview: B. Kemter

Daniel Scheidel, 46 Jahre, Bankkaufmann und Diplom-Volkswirt, mehrere Jahre bei der Commerzbank in der Frankfurter Zentrale und in der Filiale in Madrid, seit 1993 bei Auslandshandelskammern, Geschäftsführer der Deutschen Kammer in Peru und Argentinien. Rückkehr nach Deutschland aus familiären Gründen, Bewerbung als Referatsleiter Wirtschaftsförderung 2002 in Altenburg, hier auch Eintritt in FDP. Lebte von 2002 bis 2004 in Schmölln, Lebensgemeinschaft mit Altenburgerin. Zweijährige Tochter.