11.11.2006 | OVZ

Landrat setzt Klinik-Chef unter Druck

Altenburg (G.N.). “Peter Jansen wird in die Ecke getrieben. Ja, ich habe Angst, dass er aufgibt”, bestätigte gestern die Ärztliche Direktorin des Altenburger Krankenhauses, Dr. Ursula Zippel, gegenüber OVZ. Im Haus herrsche Spannung und Misstrauen, “das Arbeiten macht wirklich keinen Spaß mehr”, sagte sie nach einem Gespräch mit Landrat Sieghardt Rydzewski (SPD).

Der langjährige Geschäftsführer des Krankenhauses selbst hofft jedoch noch immer, dass es nicht zum Äußersten kommt: “Das wäre doch Flucht. Solange ich noch das Gefühl habe, dass mich die Patienten und das Haus brauchen, werfe ich diese Aufgabe nicht weg.” Die Kaufmännische Direktorin Kathleen Dittrich-Ueberfeld räumte dagegen bereits ein: “Der Gedanke, das Haus zu verlassen, ist auf jeden Fall da.”

Auslöser der Krise war die eigenmächtige Entscheidung des Landrats, die Ex-Chefin des Schmöllner Krankenhauses, Dr. Gundula Werner, ohne Ausschreibung und ohne Abstimmung mit dem Kreistag als zweite Geschäftsführerin einzusetzen. Am Montag soll der Aufsichtsrat den Anstellungsvertrag für Werner absegnen, die bisher als Prokuristin im Hause tätig ist.

"Ja, ich habe Angst, dass er aufgibt"

Landrat setzt Krankenhaus-Chef massiv unter Druck / Ärztliche Direktorin bestätigt Klima des Misstrauens

Altenburg. Wie ein Lauffeuer machte es gestern Nachmittag im Krankenhaus die Runde: Geschäftsführer Peter Jansen – seit 15 Jahren verantwortlich für das Altenburger Krankenhaus – will seinen Job hinschmeißen. Unerträglich sei inzwischen der Druck, den Landrat Sieghardt Rydzewski seit Wochen gegen den 63-jährigen Manager aufbaute. Und der darin gipfelte, Jansen die Ex-Chefin des von der Pleite bedrohten Schmöllner Krankenhauses, Gundula Werner, als zweite Geschäftsführerin quasi vor die Nase zu setzen – ohne Zustimmung des Kreistages und ohne jegliche Ausschreibung (OVZ berichtete).

Jansen selbst hofft jedoch noch immer, dass es nicht zum Äußersten kommt: “Das wäre doch Flucht. Solange ich noch das Gefühl habe, dass mich die Patienten und das Haus brauchen, werfe ich diese Aufgabe nicht weg.” Und lässt die Spannung der Situation dann doch durchblicken, als er nach kurzem Nachdenken nachschiebt: “Auch nicht im Angesicht aller möglichen Nachteile.”

Wesentlich deutlicher wird da die Ärztliche Direktorin, Dr. Ursula Zippel: “Es ist schon sehr traurig, was hier passiert. Die Situation ist unheimlich angespannt, das Arbeiten macht wirklich keinen Spaß mehr. Überall ist nur Misstrauen, einer passt auf den anderen auf”, sagte sie gestern Abend gegenüber OVZ, nachdem sie Rydzewski zu einem Gespräch ins Landratsamt bestellt hatte.

Das sei deshalb so schlimm, “weil wir zu unserer eigentlichen Arbeit, zu all dem, was wir mit unserem Haus noch vorhaben, kaum noch kommen”. Und klipp und klar bestätigte die Ärztliche Direktorin: “Peter Jansen wird in die Ecke getrieben. Ja, ich habe Angst, dass er aufgibt.”

Und er ist offenbar nicht mehr der einzige in der Führungscrew. Die Kaufmännische Direktorin Kathleen Dittrich-Ueberfeld bestätigte gestern Nachmittag ebenfalls: “Der Gedanke, das Haus zu verlassen, ist auf jeden Fall da.” Am Vormittag hatte auch sie ein längeres Gespräch mit dem Landrat, zu deren Einzelheiten sie sich nicht äußern wollte.

Dafür kursieren die Gerüchte unter den rund 700 Mitarbeitern des größten Unternehmens im Altenburger Land immer heftiger. So soll Rydzewski von leitenden Mitarbeitern schriftliche Loyalitätsbekundungen verlangt haben. Auch von Drohungen für den Fall von Unterschriftensammlungen oder offenen Briefen ist die Rede. Und immer wieder wird kolportiert, der Landrat habe unzweideutig angekündigt, Geschäftsführer Peter Jansen “fertig zu machen”.

Indes gibt es zunehmend Hinweise, dass der Landrat mit seinem Alleingang bei der Einsetzung der neuen Geschäftsführerin nicht nur politisch selbstherrlich, sondern auch rechtlich fehlerhaft gehandelt haben könnte. Eine entsprechende Dienstaufsichtsbeschwerde von FDP-Chef Karsten Schalla läuft bereits im Weimarer Landesverwaltungsamt. Nun stellte auch eine namhafte Anwaltskanzlei in einem OVZ vorliegenden Gutachten fest, dass Rydzewski eine so weitreichende Personalentscheidung für ein derart großes Unternehmen nicht einfach selbst erledigen dürfe. Zudem habe sich der Landrat über die satzungsgemäßen Mitwirkungsrechte des Aufsichtsrates hinweggesetzt.

Neuerdings mehren sich auch die Zweifel an der Kompetenz der von Rydzewski so hochgelobten früheren Schmöllner Geschäftsführerin. So berichtet ein namentlich nicht genannt sein wollender Altenburger Krankenhausmitarbeiter, der bei der Übernahme der Schmöllner Miniklinik hinter die Kulissen schauen konnte, von “desolaten Zuständen” vor allen in den Bereichen Medizintechnik und Controlling. Nur eine sofortige Finanzspritze von “mehreren hunderttausend Euro” habe das Haus in die Fusion gerettet.

Rydzewski will dennoch am Montag im Aufsichtsrat den Anstellungsvertrag von Werner perfekt machen. Doch das liegt letztlich in der Hand des neunköpfigen Kontrollgremiums, dem neben dem Landrat auch der Fachdienstleiter Gesundheit des Landratsamtes, Bernhard Blüher, CDU-Kreistagsfraktionschef Christian Gumprecht, die Kreistagsabgeordneten Alexander Büring (CDU) und Heinz-Dieter Plötner (Linkspartei) sowie Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) angehören. Als Zünglein an der Waage könnten sich bei der Entscheidung die drei Vertreter des Betriebsrates erweisen.

Günter Neumann

Kommentar

Tragisch

VON GÜNTER NEUMANN

Fast auf den Tag genau ein halbes Jahr ist es her, da Landrat Sieghardt Rydzewski im großen OVZ-Forum vor der Wahl versicherte: Selbstverständlich bleibt Peter Jansen Geschäftsführer des Altenburger Krankenhauses, er werde weiter gut mit ihm zusammenarbeiten und die Auseinandersetzungen rund um den letztlich geplatzten Verkauf der Klinik seien kein Thema mehr.

Das war ein paar Tage vor der Wahl, und nun kennt der interessierte Bürger die Halbwertzeit Rydzewskischer Versprechen. Die Erkenntnis, dass Politiker ihr Geschwätz von gestern nicht schert, ist zwar nicht neu, aber immer wieder neu ernüchternd.

Einmal unterstellt, es geht dem Landrat bei seinem Mobbing gegen den erfolgreichen Klinikmanager nicht allein um simple Rachsucht – auch die soll ja unter Politikern gar nicht so selten sein – dann stellen sich die Fragen nach dem eigentlich Sinn der auf Biegen und Brechen durchgezogen Installierung der Schmöllner Ex-Geschäftsführerin.

Parteipolitische Dankbarkeit kann es nicht sein. Frau Werner sitzt zwar auch für die SPD im Schmöllner Stadtrat, doch die Partei ist Rydzewski offenbar schon lange egal, sonst würde er das Renommee der Sozialdemokraten nicht so beständig durch seine Dauerfehde mit dem Altenburger OB ruinieren. Auch an der fachlichen Qualifikation der Schmöllnerin mehren sich zumindest neuerdings die Zweifel. Bleibt als Vermutung, dass das Herausziehen von Geldern aus der so erfolgreichen Gesellschaft künftig leichter sein könnte als bisher. Und wohl auch, dass der Landrat zeigen will, wer Herr im Hause ist.

Doch ob so oder so: Die Folgen dieses Tuns dürften für das größte Unternehmen der Region verheerend sein.