31.08.2009 | OVZ

Zwischen Jubel und Trauer

Altenburger Partei-Partys mit nur wenigen Fans, aber viel Emotionen

Altenburg. Erstaunlicherweise waren es nur kleine Runden, die gestern Abend das politische Erdbeben in Erfurt zumindest vor dem Bildschirm gemeinsam miterleben wollten. Doch die Stimmungslagen konnten unterschiedlicher nicht sein. OVZ-Reporter waren überall dabei.

„Beitrag zum Wechsel“

Ohne viel Emotionen ging es in der Altenburger Humboldtstraße zu, wo die SPD zur Wahlparty eingeladen hatte. Kein Wunder: Es war zunächst kaum jemand vor Ort, da die Sozialdemokraten auch nach Nobitz und Schmölln ausgeschwärmt waren, um dort die Ergebnisse der Bürgermeisterwahlen auszuwerten. Zudem wurden die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl im Veranstaltungsraum der Awo fast kommentarlos registriert – sie taugten offenbar weder zu Frust noch Lust.

Rund vier Prozent Zuwachs gegenüber 2004 – „ich hatte mir mehr erhofft“, meinte der Vize-Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Altenburg, Norman Müller, in einer ersten Einschätzung. „Aber die SPD ist die einzige der großen Parteien in Thüringen, die deutlich zulegen konnte. Wir haben einen Beitrag zum Wechsel geleistet.“ Wenngleich die Linke stärker hervorgegangen sei als von ihm erwartet – in Anbetracht der Ministerpräsidenten-Frage ein Problem für die SPD.

Petra Kügler sieht beim Blick auf den Bildschirm bestätigt, was sie schon seit Wochen gespürt habe. Beim Wahlkampf unterm Sonnenschirm habe sie einen wachsenden Zuspruch für die Sozialdemokratie erlebt, erzählt sie. „Das schlägt sich jetzt in den Stimmenzuwächsen nieder.“ Geschockt sei sie allerdings, „dass die NPD so viele Wähler gefunden hat“.

„Lohn für tausende Stunden“

Voller Spannung verfolgten die Linken die erste Prognose im MDR, die sie bei 26 Prozent sah. Der ganz große Jubelschrei in der Gaststätte Zum Bootsmann, wo man die Wahlparty feierte, blieb zwar aus. Doch mit spontanem Beifall und Freude in den Gesichtern brachte zunächst ein Dutzend Genossen ihre Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass die Linke wieder zweitstärkste Partei in Thüringen geworden ist. „Ich freue mich riesig über unser Wahlergebnis, das um einiges über den Umfragewerten liegt“, erklärt Frank Tempel, Kreisvorsitzender der Linken. „Da es die SPD nicht mal zusammen mit den Grünen schafft, auf mehr Prozente zu kommen als wir, kann Christoph Matschie sein Wahlprogramm in die Mülltonne werfen“, so Tempel. „Meinen Wunsch, dass wir deutlich vor der SPD bleiben, haben wir erreicht. Es hat sich gelohnt, dass wir nach den Kommunalwahlen noch einmal alles überarbeitet haben.“

Erstmals sei in Thüringen die Chance für eine rot-rot-grüne Regierung in Thüringen gegeben, darin war man sich einig. Nun komme es darauf an, wie sich die SPD verhalte, so die Genossen. Für Birgit Klaubert, die bei den Linken auf Listenplatz zwei für den Landtag kandidierte, ist das Wahlergebnis ein deutliches Zeichen dafür, dass die Wähler eine andere Politik wollen, betonte sie am Telefon. „Dieter Althaus ist deutlich abgewählt worden“, erklärt sie. Über das Ergebnis ihrer Partei freue sie sich sehr. „Das ist der Lohn für tausende Stunden Arbeit in den vergangenen Jahren.“ Groß war die Freude im Bootsmann nicht nur über das eigene Ergebnis, sondern auch über das der Linken im Saarland.

„Schwarz-Gelb ist weg“

Feierstimmung herrschte bei den Grünen, die das Wahlergebnis nicht im Altenburger Land, sondern in der Landeshauptstadt abwarteten. 18 Uhr die ersten Hochrechnungen, die Freude über das Wahlergebnis dann riesengroß – erstmals seit 15 Jahren können die Grünen wieder in den Erfurter Landtag einziehen.

„Wir sind drin, das ist ein Traum“, freute sich Kreisvorsitzender Ingo Prehl. „Schwarz-Gelb ist weg, die Nazis sind weg. Das ist alles, was wir wollten.“ Das Ergebnis zeige, dass die im Wahlkampf gesetzten Themen auch im Altenburger Land gut ankommen würden, meinte Parteikollege Knut Radziej. „Die Leute scheinen zu begreifen, dass eine reine schwarze Regierung Stagnation bedeutet“, so Radziej weiter.

Als Regierungskoalition würden die Altenburger Grünen laut Ingo Prehl die Kombination Schwarz-Rot bevorzugen. Für den Landtag sei ihm eine gute Oppositionsarbeit lieber als Regierungsarbeit der Grünen, „für die es dann nach fünf Jahren die Quittung gibt“, so Radziej gegenüber OVZ. „Wichtig ist in erster Linie, dass wir drin sind.“ Wichtig sei es der Partei auch, dass die NPD den Einzug ins Parlament nicht schaffen wird. Als positiv bewerteten die Grünen auch, dass sich die Wahlbeteiligung gegenüber der Landtagswahl vor fünf Jahren verbessert hat.

„Das wollen wir noch sehen“

Eisiges Schweigen gab es dagegen bei den in die Altenburger Destille gekommenen Christdemokraten, als Punkt 18 Uhr im ZDF der Trend für Thüringen bekannt wurde. Erdrutschartige Verluste der Union, Gewinne für FDP, Linke, SPD und Grüne ließen die Stimmung bei den 16 Anhängern der CDU, die sich zum gemeinsamen Fernsehen eingefunden hatten, erst einmal in den Keller rutschen. Dass es nicht einmal für Schwarz-Gelb reichen könnte, gab vielen den Rest. Emotionen flammten erstmals auf, als Linken-Spitzenkandidat Bodo Ramelow über das Fernsehen die Ära Althaus in Thüringen für beendet erklärte. „Das wollen wir noch sehen“, rief ein CDU-Mann aus den hinteren Reihen.

„Die CDU in Thüringen hat an Ansehen deutlich eingebüßt“, meinte der christdemokratische Direktkandidat Christian Gumprecht in einer ersten Reaktion gegenüber OVZ. Daran sei nicht zu deuteln. Dies müsse man ernst nehmen und in den nächsten Tagen und Wochen analysieren. Er setze vor allem darauf, dass die CDU sehr viele Direktmandate im Land gewinnen werde und damit ihr Ergebnis noch verbessern könne.

Uwe Melzer, Kreischef der CDU im Altenburger Land, hob hervor, dass seine Partei weiterhin die stärkste Fraktion im Thüringer Landtag stellen werde. Dies sei ein positives Ergebnis dieses Abends. Den Absturz um fast zwölf Prozent nannte er „dramatisch“. Für das Demokratiebewusstsein der Thüringer spreche, dass sich die Wahlbeteiligung gegenüber der Landtagswahl vor fünf Jahren verbessert habe. „Ich bin noch immer überzeugt, dass auch der neue Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus heißen wird.“

„Groteske Fehler der CDU“

Bei den Altenburger Liberalen freute sich nach Bekanntgabe der ersten Ergebnisse über ihren Wiedereinzug in den Landtag zunächst jeder für sich allein. Denn das Wahl-Party-Lokal Bellinis füllte sich nur sehr spärlich und auch erst weit nach 20 Uhr. „Ich freue mich, dass die FDP überzeugend den Einzug in den Landtag geschafft hat“, sagte der in Spanien weilende FDP-Kreischef, Daniel Scheidel, der OVZ. „In die Nähe eines zweistelligen Ergebnisses zu kommen, ist sehr beachtlich.“ Dass es dennoch zu einer schwarz-gelben Koalition nicht reiche, sei sehr bedauerlich, liege aber eindeutig am Abschneiden der CDU. Die Union habe dies durch groteske Fehler in der Endphase des Wahlkampfes verschuldet, wie der Inszenierung des Ski-Unfalls von Althaus in Boulevard-Blättern oder der undurchsichtigen Finanzierung des Wahlkampf-Blättchens „tollesthüringen.de“. Die nun möglichen Regierungsbündnisse wie Schwarz-Rot oder Rot-Rot-Grün „sind beide schlecht für Thüringen“, sagte Scheidel.

Kay Würker/Marlies Neumann/Christine Gräfe/Jürgen Hofmann/Jens Rosenkranz

Wahlkreis 43

Angaben in Prozent, Stand 20.39 Uhr
CDU 34,9 (2004: 44,6)
Linke/PDS 27,4 (2004: 25,8)
SPD 18,0 (2004: 15,2)
Grüne 3,3 (2004: 2,2)
FDP 7,8 (2004: 4,2)
NPD 5,3 (2004: 1,7)
andere 3,2 (2004: 6,2)

Wahlkreis 44

Angaben in Prozent, Stand 20.39 Uhr
CDU 33,5 (2004: 42,2)
Linke/PDS 27,0 (2004: 28,2)
SPD 20,4 (2004: 15,1)
Grüne 4,1 (2004: 2,8)
FDP 7,8 (2004: 4,0)
NPD 4,8 (2004: 1,9)
andere 2,5 (2004: 5,7)

Standpunkt

Ganz im Trend und ein bisschen daneben

Von Günter Neumann

Was die nackten Zahlen angeht, so wählte das Altenburger Land gestern im Landestrend. Dass es die beiden Lokalmatadoren Fritz Schröter und Christian Gumprecht noch einmal auf die beiden Direkt-Plätze schafften – wenn auch nur hauchdünn und längst nicht mehr so komfortabel wie vor fünf Jahren – dürfte als Kuriosum in die Osterländer Politik-Geschichte eingehen. Echte Gewinner sehen anders aus.

Und ganz im Landestrend brechen nun auch für die regionale CDU schwere Zeiten an. Immerhin hat die Führungscrew von Kreischef Uwe Melzer schon zu den Europa- und Kommunalwahlen großformatige Pleiten abgeliefert. Der Beitrag zum Althaus-Desaster kommt nun noch hinzu.

Noch spannender wird allerdings, ob und wie eine möglicherweise demnächst rot-rot-grün gefärbte Landespolitik auf die Region abfärbt. An ganz einfachen Dingen wird dies ablesbar sein – an den Schulen, am Flugplatz oder an neuen Gemeindestrukturen.