25.09.2009 | OVZ

Areal am Markt wird konkret

SWG legt Bebauungskonzept für Innenstadtbrache vor / Denkmalabriss geplant

Altenburg. Das wohl wichtigste innerstädtische Bauprojekt der nächsten Jahre ist gestern offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die Städtische Wohnungsgesellschaft (SWG) präsentierte nach rund zwei Jahren Planung, Diskussion und öffentlicher Kritik ihr Konzept für das Areal am Markt. Verkündet wurde ebenfalls der Abriss des Einzeldenkmals Bei der Brüderkirche 9. Eine Genehmigung gibt es dafür allerdings noch nicht.

Eigentlich sollte das Bebauungskonzept für das Areal zwischen Klostergasse, Bei der Brüderkirche und Gerhard-Altenbourg-Straße bereits im Frühjahr vorgestellt werden. Doch Abstimmungs- und Änderungsbedarf hätten die Fertigstellung verzögert, berichtete gestern die SWG. Doch nun habe der SWG-Aufsichtsrat seinen Segen gegeben. Aus anfänglichen Skizzen ist ein plastisches Arbeitsmodell geworden, aus groben Entwürfen ein exakter Plan.

Am oberen Ende des Altenburger Marktes soll ein Gebäudekomplex mit einem nach Süden hin geöffneten Innenhof entstehen. Im Erdgeschoss zieht auf 800 Quadratmetern die Konsumgenossenschaft Leipzig ein, die sich an der neuen Adresse vergrößern will. Hinzu kommt ein ebenerdiges Café, der Brüderkirche zugewandt. Zwei Parkdecks sollen genügend Platz für die Gäste bieten – aber auch für Mieter. Denn auf drei der insgesamt vier Geschosse des Objektes wird Wohnraum entstehen. „37 Zwei- bis Vierraumwohnungen mit 57 bis 110 Quadratmetern“, erklärt Architekt Andreas Kottusch. „Sie sind mit Balkon oder Loggia ausgestattet, es gibt Fahrstühle und teilweise Barrierefreiheit.“

Wichtig sei, betont der Zwickauer, dass sich der Neubau harmonisch in die Altenburger Innenstadtbebauung einfüge. Ganz bewusst seien die typischen Baufluchten, Gebäudehöhen und Dachneigungen berücksichtigt worden.

Bauherr ist die SWG. Rund fünf Millionen Euro lässt sich die hundertprozentige Tochterfirma der Stadtverwaltung das Vorhaben kosten. Ein Teil seien Eigenmittel, ein Teil Bankkredite, berichtete SWG-Prokurist Michael Rüger. Und ist optimistisch, dass sich die Investition lohnt. Es gebe bereits mehr als 40 Nachfragen von Mietinteressenten. „Das Bauvorhaben geht konform mit dem Altenburger Leitbild: Wir wollen Wohnbebauung in die Innenstadt bringen“, betonte Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD).

Mit dem nun vorgelegten Bebauungskonzept soll ein ewiger Schandfleck endlich getilgt werden. Seit etwa neun Jahren werde vor Ort nach Lösungen gesucht, erinnerte Michael Wolf. Erst gab es ungeklärte Eigentumsverhältnisse, dann kam ein Einkaufszentrum ins Gespräch, später ein Technisches Rathaus. Jedesmal zerschlugen sich die Pläne.

Doch auch der Wohn- und Geschäftskomplex ist noch mit Fragezeichen versehen. Das Einzeldenkmal Bei der Brüderkirche 9 steht der SWG im Wege. Bereits vor Monaten gab es heftige Diskussionen über das sanierungsbedürftige Gebäude. Unter anderem die FDP und der Freundeskreis um Maria Kühl hatten sich für den Erhalt stark gemacht.

Bis heute liegt nach SWG-Angaben keine Genehmigung für den Abriss vor. Zwar seien aus Sicht des Bauherren alle entscheidenden Dokumente eingereicht worden, doch noch immer fehle sowohl die nötige Stellungnahme des Landesverwaltungsamtes als auch der daraus folgende Bescheid der Unteren Denkmalbehörde, die Teil der Stadtverwaltung ist. „Die gesetzlich vorgeschriebenen Bearbeitungsfristen sind nicht mehr im Lot. Scheibchenweise immer neue Unterlagen zu fordern, ist nicht in Ordnung“, ärgerte sich Michael Wolf.

Für die SWG ist die Sache klar: Im Falle der eindeutigen wirtschaftlichen Unzumutbarkeit eines Erhalts erlaube das Denkmalschutzgesetz den Abriss. Das Einzeldenkmal lasse sich weder in den Neubaukomplex integrieren noch als separate Immobilie erhalten. „Die Wirtschaftlichkeit des gesamten Komplexes würde durch dieses Haus zunichte gemacht“, sagte Rüger.

Stadtverwaltung und SWG haben sich nun entschieden, bewusst in die Öffentlichkeit zu gehen, Transparenz zu signalisieren. Am 8. Oktober soll das Bauvorhaben öffentlich in der Music Hall vorgestellt werden. Am 1. Oktober gebe es eine Beratung mit dem Denkmalbeirat.

Kay Würker

Kommentar

Ohne Kompromisse wird es nicht gehen

Von Kay Würker

Wer Altenburgs Innenstadt als Tourist besucht, erlebt ein Wechselbad der Gefühle. Da sind zum einen die allgegenwärtige Geschichte dieser mehr als tausendjährigen Stadt, die baulichen Zeitzeugen, der Charme der Gässchen und Winkel. Doch da sind auch Leerstand, Verfall und verwahrloste architektonische Schätze.

Ein Gegensatz, der sich im Kleinen im Areal am Markt widerspiegelt. Der unsägliche Schandfleck erweist sich bei genauerem Hinschauen als Standort eines herausragenden Barockhauses aus der Hellbrunn-Ära. Was also tun, wenn dringend investiert, aber auch geschützt werden muss? Die Stadt stand schon öfter vor solch schweren Entscheidungen.

Aus Sicht des Touristen dürfte überwiegen, was er als Gesamteindruck wahrnimmt. Einen katastrophalen Schandfleck in zentraler Lage, so viel steht fest, kann sich die Skatstadt auf Dauer nicht leisten. Nicht nur wegen des Fremdenverkehrs, sondern auch wegen der Einwohnerschaft, die der Innenstadt vielfach den Rücken gekehrt hat.

Die aktuellen Pläne für die Neugestaltung des Areals am Markt sind insofern von immenser Bedeutung. Sie sind in den vergangenen Monaten weit vorangekommen, sind chancenreicher und stadtbildfreundlicher als alles vorher Dagewesene. Nicht zuletzt ist das ein Verdienst der energischen öffentlichen Debatte darüber.

Doch ohne Kompromisse wird es am Ende nicht gehen.