29.09.2009 | OVZ

Gewinner und Verlierer

Nach Kopf-an-Kopf-Rennen 2005 diesmal klare Fronten in Wahlkreis 195

Altenburg. Wie im Bund insgesamt, so ist die SPD auch im Wahlkreis 195 Greiz/Altenburger Land der ganz große Verlierer der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag. Die Sozialdemokraten kommen sowohl bei der Erst- als auch der Zweitstimme nur noch auf Platz drei – hinter CDU und Linken. Großer Sieger sind hingegen die Christdemokraten, sie gewinnen den Wahlkreis und durch Volkmar Vogel das Direktmandat (OVZ berichtete). Auch die Linke jubelt. Ihr Kandidat Frank Tempel schafft den Einzug in den Bundestag über die Thüringer Landesliste. Damit haben das Altenburger Land und Greiz nach vierjähriger Unterbrechung wieder zwei Bundestagsabgeordnete.

2005 haben sich CDU, SPD und Linke noch ein bislang beispielloses Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert, alle drei trennten am Ende nur ganz wenige Prozente, manchmal nur die Stelle hinterm Komma. Während die Sozialdemokraten bei den Zweitstimmen sogar gewannen (!) und sich im Kampf um das Direktmandat der CDU nur ganz knapp geschlagen geben mussten, liegen diesmal Welten zwischen den beiden Volksparteien.

Die CDU gewinnt bei den Zweitstimmen souverän mit 32,8 Prozent. Und ihr Direktkandidat Volkmar Vogel legt satte 8,1 Prozentpunkte zwischen sich und den Zweitplatzierten Frank Tempel. Der SPD-Bewerber Wilfried Präger kommt nur auf 17,6 Prozent, während 2005 Andreas Schumann für die Sozialdemokraten noch 30,2 Prozent einfuhr. Bei den Zweitstimmen ist der Verlust für die SPD ebenfalls zweistellig – sie bricht von 27,6 auf 16,5 Prozent ein. Zum Vergleich: 2002 hatte sie im hiesigen Wahlkreis noch sagenhafte 39,2 Prozent erreicht.

„Dieses Ergebnis zu verdauen, das dauert schon eine Weile“, ist SPD-Kreis-chef Hartmut Schubert gestern zu keiner schnellen Wertung bereit. Nur soviel: „Wir liegen hier voll im Trend des Bundesergebnisses“, sagt Schubert und weist damit eine konkrete Verantwortung seiner Partei im Altenburger Land zurück. Vor vier Wochen bei der Landtagswahl habe die SPD hier im Kreis über dem Landesdurchschnitt gelegen, sein persönliches Ergebnis als Direktkandidat sei ebenfalls gut gewesen, und bei der Kommunalwahl im Frühjahr habe man immerhin vier Prozentpunkte zugelegt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Image im Altenburger Land in so kurzer Zeit so dramatisch gelitten haben soll. Das war eine Bundestagswahl.“ Doch im Bund, das bekennt Schubert, fangen für seine Partei die Probleme jetzt erst richtig an.

Statt Kater- herrscht bei der CDU Hochstimmung. „Es ist ein großer Vertrauensbeweis. Der Wahlausgang zeigt, dass die Menschen in meiner Heimat die Stabilität der Mitte wollen“, so Volkmar Vogel, der zum zweiten Mal das Direktmandat holt, nachdem er 2002 über die Landesliste eingezogen ist.

Als Gewinner im Wahlkreis 195 fühlen sich neben der CDU auch die anderen Parteien. Die Linke, die sich als zweitstärkste Kraft etablierte und zum ersten Mal in der Nachwende-Geschichte einen Abgeordneten der Region – ihren Kreisvorsitzenden Frank Tempel – im Bundestag sitzen hat. Die FDP, die mit einem Zweitstimmen-Ergebnis von 10,9 Prozent das Thüringer Landesergebnis um 1,1 Prozent übertrifft und damit sogar den Spitzenplatz der Liberalen im Freistaat einnimmt. „Und auch mit dem Ergebnis unseres Direktkandidaten sind wir zufrieden“, so der Kreisvorsitzende Daniel Scheidel. Johannes Frackowiak kommt mit 8,0 Prozent auf Rang vier, gefolgt vom NPD-Bewerber, der sich mit 4,1 Prozent allerdings noch vor Vincent Müller von Bündnis 90/Die Grünen (3,6 Prozent) platzieren konnte.

Dies ist ein ebenso bitterer Beigeschmack wie die Tatsache, dass die Wahlbeteiligung in Greiz/Altenburger Land mit 64,2 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 71 Prozent liegt. 2005 gaben im Wahlkreis noch 75,7 Prozent ihre Stimme ab. „Darüber müssen wir uns Gedanken machen“, sagt Volkmar Vogel.

Ellen Paul

Wahl-Spitzenergebnisse in Ortsteilen und Gemeinden

Knapp vorbeigeschrammt ist die FDP an ihrem 18-Prozent-Ziel aus der Ära Möllemann. Allerdings kamen die Liberalen nur in Jonaswalde ihrer Wunschmarke so nah – dort reichte es für 17,4 Prozent.

Standpunkt

Müde Kämpfer – müde Wähler

Von Ellen Paul

Am Ende waren alle müde – die Wahlkämpfer, die Kandidaten und die Wähler. Der Marathon mit Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahl innerhalb von vier Monaten zehrte an den Kräften und Nerven auf der einen und dem Willen am Zuhören und Sich-Auseinandersetzen auf der anderen Seite.

Doch das war’s nicht allein. Noch nie in der jüngeren Geschichte ist ein Bundestagswahlkampf von den Bundeszentralen der einzelnen Parteien im Altenburger Land so lahm geführt worden wie diesmal. Während sich zur Landtagswahl noch namhafte Politiker wie Brüderle, Vogel oder Tiefensee sowie die Spitzenkandidaten die Klinke in die Hand gaben, mussten zur wichtigsten Wahl des Jahres die „Kleinen vor Ort“ alleine ran. Längst vorbei die Zeiten, als eine Regine Hildebrandt, ein Gregor Gysi, eine Angela Merkel oder sogar ein Bundeskanzler Helmut Kohl hier den Wählern ihre Aufwartung machten.

Müde Politiker brauchen sich über müde Wähler nicht zu wundern.