01.10.2009 | OVZ

Kontra Abriss

Denkmalschützer fordern Erhalt des Hellbrunn-Hauses im Areal am Markt

Altenburg. Gegen den Abriss und für die Einbeziehung des Hauses An der Brüderkirche 9 in die Neugestaltung des Areals am Markt – dafür sprach sich vorgestern beim Infoabend des Denkmalbeirates die Mehrheit der Gäste aus. Rund 60 Interessierte waren in die Music Hall gekommen. Die wichtigsten Protagonisten des innerstädtischen Bauvorhabens, der Oberbürgermeister und Vertreter der Städtischen Wohnungsgesellschaft (SWG), fehlten allerdings.

„Verstehen wir diesen Abend also als Einstieg in die Veranstaltung am 8. Oktober“, bat Pfarrer Andreas Gießler vom Denkmalbeirat am Ende der gut zweistündigen Debatte. Am 8. Oktober wollen Stadtverwaltung und SWG eines der wichtigsten Bauvorhaben der Stadt, die Gestaltung des Areals am Markt gegenüber der Brüderkirche, öffentlich vorstellen (OVZ berichtete). Wohl auch deshalb waren vorgestern weder der OB noch SWG-Vertreter und zudem auch recht wenige Anwohner der Einladung gefolgt, vermutete Andreas Gießler und bedauerte den Doppeltermin.

Dennoch, die Denkmalschützer hätten sich mehr Transparenz gewünscht. „Wir sind die Letzten, die erfahren, was die Stadt vorhat“, so Gießler mit Blick auf den erst vor wenigen Tagen verkündeten Gesamtabriss. Er habe den Eindruck, dass von vornherein nicht an den Erhalt des Hauses Nummer 9 gedacht wurde. Dabei hatte sich der Beirat schon im Frühjahr für das Barockhaus, eines der letzten relativ gut erhaltenen Häuser des Architekten Georg Hellbrunn, ausgesprochen. Zudem sei die Anregung, einen Architektur-Wettbewerb auszuschreiben, nicht aufgegriffen worden.

Und so war es vorgestern Abend Wasser auf die Mühlen der Abrissgegner, als Experten vom Stadtforum Leipzig und des Instituts für integrierte Stadtentwicklung über Erfahrungen bei der Rettung von Denkmalobjekten und den ähnlich mühsamen Aufbau eines Dialogs mit den städtischen Behörden berichteten. „Macht nicht den Fehler und reißt die alten Sachen weg, das sind eure Kronjuwelen“, mahnte Wolfram Günther vom Stadtforum Leipzig.

In diesem Sinne sprach sich das Gros der Anwesenden – Vertreter des Altstadtvereins, der FDP, der evangelischen Kirchgemeinde, des Ortskuratoriums Altenburg der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und private Hausbesitzer – für die behutsame Einbeziehung des Einzeldenkmals in das neue Areal aus. Dass die SWG dazu in der Lage ist, habe sie in der Teich- und der Moritzstraße bewiesen, war man sich einig.

Zahlen, dass allein die Sanierung des Hauses Nummer 9 eine Million Euro extra kosten würde, wurden infrage gestellt. „Ich zweifle an, dass die Zahlen stimmen“, sagte Jutta Penndorf, Direktorin des Lindenau-Museums. „Und es ist ein Fehler, nur über das Hellbrunn-Haus zu reden.“ Dessen Erhalt sei für die Stadt unheimlich wichtig – im Umfeld geschichtsträchtiger Bauten wie dem Ernestinum oder dem Josephinum müsse jedoch der gesamte, aus dem 19. Jahrhundert stammende Komplex erhalten werden. „Das waren Wohnungen, das sollten wieder Wohnungen werden.“ Penndorf verwies zudem auf das umstrittene Altenburger City-Center.

Zuvor hatten SPD-Stadtrat Nikolaus Dorsch und einige andere die jetzt favorisierte Lösung eines komplett neuen Wohn- und Geschäftskomplexes verteidigt. Die Stadt habe keine Aktie an einem Abbruchunternehmen, spitzte Dorsch, der auch Mitglied im SWG-Aufsichtsrat ist, zu. Man brauche nach über zehn Jahren Diskussion ein Konzept für das Areal am Markt, das die Innenstadtentwicklung voranbringt.

Edeltraud Peschel

Kommentar

Gehörige Schieflage

Von Ellen Paul

Der Denkmalbeirat ist stinksauer. Bereits im März hatte er einstimmig für den Erhalt des Einzeldenkmals Bei der Brüderkirche 9 votiert. Ein barockes Bürgerhaus mit einem im Original erhaltenen, typisch Altenburger Treppenhaus. Außerdem empfahlen die Denkmalschützer dem Stadtrat die Ausschreibung eines städtebaulichen Wettbewerbs für die Bebauung des Areals am Markt.

Nichts von dem ist umgesetzt. Im Gegenteil. In der Vorwoche verkündeten Städtische Wohnungsgesellschaft und Rathaus-Führung den Komplettabriss, obwohl dafür noch gar keine Genehmigung vorliegt. Das brachte für die Denkmalschützer das Fass zum Überlaufen. Sie sprechen mittlerweile vom Altenburger Abrisswahn.

Wie sehr das Tischtuch zerschnitten ist, beweist die Tatsache, dass sowohl Denkmalschützer als auch Stadtverwaltung innerhalb eineinhalb Wochen zur öffentlichen Debatte einladen – zum gleichen Thema, am gleichen Ort. Wie soll selbst der halbwegs interessierte Bürger noch wissen, wann er warum wohin gehen soll?

Hier läuft gehörig etwas schief beim wichtigsten innerstädtischen Bauvorhaben der nächsten Jahre.