10.06.2010 | OVZ

Boxhandschuhe und Tiefschläge

André Neumann neuer Stadtverbandschef – Altenburger CDU überrascht bei Vorstandswahl

Altenburg. Mit einer faustdicken Überraschung endete die ansonsten eher dröge Wahlversammlung des Stadtverbandes der Union am Dienstag. Stadtrats-Fraktionschef Peter Müller fiel bei der Wiederwahl zum Vize-Vorsitzenden durch. Neuer Mann an der Spitze des mit 100 Mitgliedern größten Ortsverbandes der CDU im Altenburger Land ist André Neumann.

Dabei ging in der angeregten lautstarken Pausen-Unterhaltung beinahe unter, dass einer der wichtigsten Unions-Politiker der Skatstadt von seinen eigenen Mitgliedern nur 14 Ja-, aber 16-Gegenstimmen bekam, bei drei Enthaltungen. Müller selbst war im Urlaub, wurde umgehend telefonisch kontaktiert und gefragt, ob er wenigstens als Beisitzer im Vorstand kandidiert. Machte er nicht, aus purer Enttäuschung über seinen Stadtverband. Denn führende Mitglieder hatten ihn vor der Wahlversammlung sogar noch um eine erneute Kandidatur gebeten. “So habe ich nie und nimmer damit gerechnet, dass ich durchfalle”, sagte Müller der OVZ. “Damit wurden die Gräben, die ich ein Jahr lang mühsam zugeschüttet habe, wieder aufgerissen.”

In der Tat hatte Müller in einem vor dem Wahlgang verlesenen Schreiben endlich ein gemeinsames Handeln im Stadtverband angemahnt. “Das war nicht immer so”, schrieb er.
Ähnlich hatte sich auch der scheidende Vorsitzende Jan Menzer geäußert. Einmal getroffene Entscheidungen und Ergebnisse müssten von allen getragen werden, unabhängig davon, ob es allen passe oder nicht. Dies habe er in den vergangenen zwei Jahren vermisst, sagte Menzer, der sich nicht wieder der Wahl stellte.

Der neue Vorsitzende wollte den kleinen Betriebsunfall nicht allzu hoch hängen. Zwar sei er vom Wahlergebnis von Müller überrascht, sagte André Neumann der OVZ. “Aber meine Position ist damit keinesfalls geschwächt”, ließ er zumindest die Deutung zu, dass Müller nicht unbedingt zu seinen allerengsten Vertrauten zählt.

Neumann hatte vor seiner Wahl in einer kleinen Ansprache seine Partei aufgefordert, in zwei Jahren den Wählern Alternativen zum Landrat und zum Oberbürgermeister anzubieten und dafür sofort mit der Arbeit zu beginnen. Wie das geschehen soll und welche Personen dafür infrage kämen, ließ Neumann offen. Da der frische Wind der FDP nur ein Jahr geweht und die Freien Demokraten selbst hinweggefegt habe, sei die Union in Altenburg die einzig verbliebene Partei des bürgerlichen Lagers, sagte der Vorsitzende. Als unmissverständliche Symbolik bekam er von seinen Mitgliedern schwarze Boxhandschuhe als Geschenk auf den Weg.

Zu Stellvertretern des neuen Vorsitzenden wurden Christoph Zippel und Detlef Hoh-Schmidt (beide 94 Prozent) gewählt. Hoh-Schmidt trat jedoch erst an, nachdem Müller bei der Wahl durchfiel.

Wie Neumann hatten zuvor mehrere Redner die Wahlschlappe der Union vor zwei Jahren beklagt und dazu aufgerufen, die verloren gegangenen Wähler wieder zurückzugewinnen. Der ebenso anwesende CDU-Landtagsfraktionschef Mike Mohring hatte die Versammlung ermuntert, an erfolgreiche Zeiten anzuknüpfen, als die Union noch den Altenburger Oberbürgermeister und den Landrat stellte.

Jens Rosenkranz

Kommentar

Ohne Rücksicht auf die Folgen

Von Günter Neumann

Die Altenburger CDU hat klar gemacht, dass bei ihr weiterhin nichts klar ist: Inhaltlich versäumten es die Christdemokraten auf ihrer Wahlversammlung erneut, den Bürgern zu erklären, welche andere Politik sie gern im Rathaus machen würden. Personell verpassten sie ihrem profiliertesten Mann im Stadtrat dafür wieder einmal einen gezielten Schlag unter die Gürtellinie. Fazit: In der Kreisstadt-Union bleibt die Beschädigung eigener Leute wichtiger als ernsthafte Politik.

Immer neue Ortsverbandsvorsitzende konnten dies zehn Jahre lang nicht ändern, und es sieht nicht danach aus, dass es besser wird. Denn der einzig vernünftige Weg – Einbindung aller Gruppierungen und Konsenssuche – wurde ja ausgerechnet von Fraktionschef Müller beschritten, den man gerade demontierte und demotivierte. Ein Machtwort vom Kreisvorstand ist auch nicht zu erwarten, der organisiert sich gerade in Meuselwitz das nächste Desaster.

Den Spott über die sich selbst zerlegende FDP kann sich die CDU schenken. Sie ist zwar deutlich stärker als die Liberalen, schreckt aber in den internen Machtkämpfen ohne Rücksicht auf die Folgen genauso vor nichts zurück.