22.01.2011

Stadtforum wendet sich an Petitionsausschuss

Das Stadtforum Altenburg ist eine lose Vereinigung von Altenburger Bürgern und interessierten Auswärtigen, darunter ausgewiesenen Experten für Architektur und Stadtplanung, die sich für eine nachhaltige Entwicklung der historisch wertvollen Altenburger Innenstadt engagieren. Zu den Gründern des Stadtforums zählt Dr. Henrik Pradel, der sich auch im Vorstand des FDP-Ortsvereins in Altenburg im Bereich Denkmalpflege und Kultur engagiert.

Wortlaut der Petition:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Mitglieder des Petitionsausschusses,

gestatten Sie, dass wir uns vorstellen. Das Stadtforum Altenburg ist eine lose Vereinigung von Altenburger Bürgern und interessierten Auswärtigen, darunter ausgewiesene Experten für Architektur und Stadtplanung. Es versteht sich als ein Forum für Denkmalschutz und Stadtentwicklung und arbeitet insbesondere mit dem Leipziger Stadtforum zusammen, das inzwischen zu einem wichtigen Partner der Leipziger Stadtverwaltung geworden ist.

Wir richten uns mit einer Petition an Sie, weil wir historische Bauten für die Zukunft unserer Stadt erhalten wollen und dafür für Ihre Unterstützung werben. Es geht um den Altenburger Marktplatz: Er ist einer der bedeutenden, nahezu geschlossen erhaltenen historischen Stadtkerne in Deutschland und ein seltenes Kulturdenkmal, das die Entwicklung der Stadt vom Mittelalter bis in die Gegenwart mit allen ihren Höhepunkten und Besonderheiten anschaulich widerspiegelt. Seit 1990 ist die Stadt erfolgreich bemüht, die Gebäude und Straßenzüge im historischen Stadtkern zu erhalten. Jetzt jedoch droht ein Eingriff in das historische Ensemble an zentraler Stelle, dieses Anliegen zu gefährden. Zwei stadtbildprägende und in ihrer Substanz intakte Häuser, ein barockes und ein spätklassizistisches, die den von jedem Besucher der Stadt als grandios erkannten Marktplatz abschließen, sollen abgerissen werden für eine historisierende Neubebauung.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Wir sind für Bauen, aber für besseres Bauen! Wir vertreten die Nutzungskonzeption, wenn auch nicht in allen Details, wissen jedoch, dass sie sich auch verwirklichen lässt, wenn die wertvolle historische Bausubstanz erhalten wird.

Zu Ihrer näheren Information erlauben wir uns, dem Brief Materialien, die den Hergang skizzieren, sowie Presseartikel hinzuzufügen. Ebenso sind alle Unterlagen auch unter www.stadtforum-altenburg.de abrufbar.

Am 15. und 16. November 2010 tagte die Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz des Bundesbauministeriums in Altenburg. Sie befasste sich unter anderem mit dem Areal am Markt und äußerte ihr völliges Unverständnis für die Kompromisslosigkeit, mit der Stadtverwaltung und Städtische Wohnungsgesellschaft das Projekt durchsetzen wollen. Es ist noch immer möglich, einen Wettbewerb (dessen Unterstützung die Sektion Baukunst der Akademie der Künste Berlin zugesagt hat) durchzuführen, um eine qualitativ hochwertigere Lösung für das Quartier zu erlangen.

Wenn sogar die Befürworter der jetzigen Planung vom Stadtforum verlangen, bessere Entwürfe vorzulegen, was anderes ist das, als die Forderung nach einem Architekturwettbewerb? Wir haben drei Studien vorgelegt, die beweisen, dass die Erhaltung der beiden Gebäude möglich ist, auch
gibt es einen seriösen Kaufantrag für das barocke Gebäude, der jüngst wiederholt wurde – doch finden diese Vorschläge keine Beachtung.
Das eigentliche Problem ist, dass es nicht mehr um Fragen von Stadtplanung und Stadtentwicklung geht, sondern dass ein einmal gefasster und erst spät der Öffentlichkeit bekannt gegebener Plan aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll.

Wir haben das Glück, dass unsere im Krieg unzerstörte Altstadt weitgehend erhalten werden konnte. Warum sollten wir ausgerechnet jetzt, da wir viel wissen über Städtebau und die positiven wie negativen Erfahrungen, die seit 1945 in deutschen Städten gemacht wurden, an einer so exponierten Stelle nicht die bestmögliche Lösung anstreben? Wir haben es gar nicht nötig, historisierend neu zu bauen, wir sind in der privilegierten Lage, dass die an den Markt angrenzende historische Bebauung des Quartiers noch steht – und dass man, um das Areal wieder zu schließen, moderne Ergänzungsbauten in hoher Qualität anfügen kann.

Es geht nicht um Macht oder juristische Finessen, sondern um die Erhaltung der identitätsstiftenden Altenburger Altstadt für die Zukunft – unter Einbeziehung zeitgemäßer infrastruktureller Lösungen. Wenn man später zurückblickt, wird einzig das Ergebnis zählen und wir werden uns befragen lassen müssen, warum nicht weitsichtiger, schöner und freundlicher für Bürger wie für erhoffte Gäste geplant und gebaut wurde, warum die Umstände eines Moments stärker waren als die Vernunft.

Wir bitten Sie, mit der Stadtverwaltung Altenburg, der Städtischen Wohnungsgesellschaft und mit dem Stadtforum eine unserer demokratischen Gesellschaft gemäße Vermittlungsrunde zu initiieren, für deren Vorsitz wir eine kompetente neutrale Person finden müssen. Auch wenn Sie als Petitionsausschuss des Thüringer Landtages eine solche Vermittlerrolle nicht als Kernaufgabe sehen, zeigt sich in Altenburg doch die Situation, dass ein Oberbürgermeister als Gesellschafter der Städtischen Wohnungsgesellschaft bei Bauvorhaben der Gesellschaft die Bauherrenseite vertritt, sich als Aufsichtsratsvorsitzender aber selbst kontrolliert und als Chef der Verwaltung gleichzeitig auch noch für die Genehmigung seines eigenen Bauantrages zuständig ist. Wir bitten Sie, diesen Sachverhalt kritisch zu prüfen und gegebenenfalls Ihrerseits Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Unsererseits und von Seiten der Stadträte sind die Einspruchsmöglichkeiten und demokratischen Mitwirkungsrechte begrenzt, wenn die Verwaltung ihre Sorgfaltspflicht missachtet und der Oberbürgermeister seinem Auftrag als oberster Denkmalschützer der Stadt nicht gerecht wird.

Wir bitten daher ebenfalls zu prüfen, ob aufgrund einer von uns vermuteten Befangenheit der unteren Denkmalschutzbehörde eine neutrale Bearbeitung des Antrages der Städtischen Wohnungs-gesellschaft auf denkmalschutzrechtlichen Genehmigung zum Abriss des Einzeldenkmals „Bei der Brüderkirche 9“ im Rahmen der Amtshilfe durch eine übergeordnete Stelle wie beispielsweise das Landesverwaltungsamt oder der Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur möglich ist.

Eine Kopie dieses Schreibens haben wir gleichzeitig sowohl an Frau Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht als auch an die Minister Christoph Matschie und Jörg Geibert sowie an die Presse gesandt.

In der Hoffnung auf Ihre Unterstützung und mit besten Grüßen

Im Namen des Stadtforums
Dr. Henrik Pradel / Johannes Schaefer