22.02.2011 | OVZ

“Noch mehr leere Läden”

Altenburger Innenstadt-Händler protestieren gegen Mode-Großmarkt am Stadtrand / OB sucht Kompromiss

Altenburg. Auf heftigen Widerstand der Altenburger Händler stoßen Pläne des Rathauses, auf dem Gewerbegebiet am nordöstlichen Stadtrand – neben Expert-Jäger und Möbel-Boss – einen großen Modemarkt anzusiedeln. Übermorgen sollen in der Stadtratssitzung bereits erste stadtplanerische Voraussetzungen geschaffen werden.

Der Modepark Röther, ein baden-württembergisches Familienunternehmen, will hier seinen 20. Modemarkt errichten – auf 4900 Quadratmetern und mit einem Komplettangebot von Damen-, Herren-, Kinder- und Babymode, Bekleidung für junge Leute, Wäsche, Schuhen und Accessoires. Und mit Öffnungszeiten, die bei montags bis samstags von 9 bis 20 Uhr liegen dürften.

“Wir können nicht stillhalten, wenn es darum geht, eine weitere Schädigung der Innenstadt aufzuhalten”, hatte Werbegemeinschafts-Chef Gebhard Berger gleich zu Beginn des Treffens betont, zu dem sich die Händler-Vereinigung am Donnerstagabend Oberbürgermeister Michael Wolf und Wirtschaftsförderer Tino Schaarschmidt eingeladen hatte.

Er persönlich habe nichts gegen Konkurrenz, aber bitte im Innenstadtbereich, stellte Berger klar. Denn am Stadtrand würde der neue Markt der City Kaufkraft entziehen, wo schon jetzt viele Läden an der Rentabilitätsgrenze arbeiten würden. “Ich will die Innenstadt entwickelt haben. Was nützt uns eine gestärkte Hülle, wenn das Zentrum daniederliegt?” Und er prophezeite: “Es wird mehr Läden geben, die leer sind und mehr Häuser, die verfallen.”

Fischhändler Karl-Friedrich Dünewald warnte eindringlich, Planungsfehler aus den alten Bundesländern, die nach der Wende auch in vielen neuen Bundesländern gemacht wurden, nochmals zu wiederholen. “Natürlich schadet das Projekt der Innenstadt, ganz klar.” Und Jörg Kriebitzsch, selbst Inhaber von zwei Modeläden, formulierte es noch bitterer: “Dafür habe ich nicht all die Jahre gestrampelt, habe all die Baustellen ausgehalten und bin doch manchen Monat nach Hause gegangen ohne einen Pfennig in der Tasche.”

Detlef Zschiegner, Baderei-Händler und FDP-Stadtrat, sah sogar einen Zusammenhang zwischen Projekt und OB-Wahlkampf im nächsten Jahr: So eine Neueröffnung bringe Wählerstimmen, aber die Innenstadt dürfe nicht “auf dem Altar einer Wiederwahl” geopfert werden.

Gegen die Front der Innenstadthändler hatte Wolf einen schweren Stand, verteidigte die Ansiedlung aber dennoch. Altenburg habe großes Interesse an der Stärkung der Innenstadt, versicherte der SPD-Politiker. “Aber wir leben nicht in einem abgeschotteten Raum, sondern im Wettbewerb mit anderen Städten.” Alle denkbaren innerstädtischen Standorte, von der Kesselgasse/Hillgasse bis zum Ranniger-Gelände und dem Areal des alten Gefängnisses, seien angeboten worden, doch alle stellten sich als inakzeptabel heraus. Das Unternehmen wolle unbedingt nach Nord-Ost. “Wir haben mit Engelszungen geredet, aber wir können niemanden zwingen, in die Altstadt zu gehen”, erklärte Wolf.

Eine Entwicklung, die auch Claus Jäger bestätigte, der einst selbst den Schritt vom Laden in der Innenstadt zum Markt am Stadtrand machte. “Am Ende bestimmen es die Kunden. Und man kann die Kunden nicht durch eine Glocke über Altenburg steuern.”

Etwas resignierend meinte denn auch Jürgen Seidel, Mitinhaber eines Radio-Fernseh-Geschäfts: “Wir können es nicht verhindern. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir mit unseren Mitteln die Stadt attraktiv halten.” Viel würde schon helfen, wenn die Stadt dabei nicht noch Stolpersteine in den Weg lege.

Genau in dem Punkt versuchte der OB auch, den Händlern eine Brücke zu bauen. Er könne sich vorstellen, Mehreinnahmen, die die Stadt aus dem Projekt erziele, konsequent in die Innenstadt zu investieren – beispielsweise in zeitweilig kostenfreies Parken oder eine Buslinie über den Markt. “Helfen Sie mit, Chancen wahrzunehmen und uns nicht gegenseitig zu blockieren”, appellierte Wolf.

Günter Neumann

Standpunkt

Von Ryanair für Mode-Markt lernen

Von Günter Neumann

Das Beste zu wollen bedeutet nicht automatisch, das Richtige zu tun. Dieses Dilemma durchleiden gerade all jene Altenburger Stadträte, die über einer Lösung im Konfliktfall Mode-Großmarkt grübeln.

Zweifellos droht der City ein weiteres Ausbluten. Und selbstverständlich müssen Wirtschaftsförderer für Investoren den roten Teppich ausrollen, Grundstücke verkaufen, Arbeitsplätze schaffen und Steuern organisieren.
Am Ende ist der Blick ins Leben der beste Rat. Ansiedlungen auf grünen Wiesen sind seit jeher ein Übel, dennoch konnte sie niemand verhindern. Die Käufer wollten sie nämlich. Kommt der Markt nicht nach Altenburg Nordost, dann nach Borna oder Meerane. Die Innenstadt hätte davon keinen einzigen Kunden zusätzlich. Die kriegt man – wenn überhaupt noch – mit Service und familentauglichen Öffnungszeiten.

Wer will, kann sogar Ryanair strapazieren: Weil Thüringen die erfolgreiche Firma nicht wollte, fliegt sie jetzt Touristen nach Sachsen-Anhalt. Und ganz Altenburg ist angeschmiert.