05.03.2011 | OVZ

Porträt

“Harry, fahr du mal hin”

Oder: Warum sich der Altenburger Zahnarzt Harald Kunze gern zum Narren macht

“Eigentlich bin ich ein Faschingsmuffel”, sagt Harald Kunze. “Wenn ich nicht müsste, würde ich auf keine Karnevalsveranstaltung gehen, schon gar nicht kostümiert.” Doch er muss. So auch heute Abend wieder. Mit Narrenkappe marschiert er unter Helau-Rufen und mit Tschingderassabum in den Goldenen Pflug ein. Denn der stadtbekannte Altenburger Zahnarzt, der sich als Nicht-Fan des bunten Klamauks outet, ist seit nunmehr 15 Jahren Vize-Präsident des Faschingsvereins Motor Altenburg. Wie geht denn so was? Gute Frage und – wie sich zeigen wird – ganz einfache Antwort.

Von Ellen Paul

Begonnen hat die Geschichte Anfang der 90er-Jahre. Da ließ sich Harald Kunze nämlich nicht lange bitten, gemeinsam mit anderen eine Tradition wiederzubeleben, die in Vergessenheit zu geraten drohte – den Motorfasching. Wenn die Überlieferungen stimmen, so hat er zu DDR-Zeiten alljährlich über 2000 Leute in den alten Goldenen Pflug gezogen, mehr als jede andere Veranstaltung. Doch der Sportverein Motor, der dieses Großereignis auf die Beine stellte, hatte nach der Wende andere Sorgen. Umbenannt in SV 1990, musste er sich quasi erst einmal um sein Über- und Weiterleben kümmern. Als das halbwegs funktionierte, besann man sich auf Tradition und Werte. Im Sportverein, seit 1993 wieder unter dem Namen Motor firmierend, kam daher recht schnell die Frage nach dem Fasching auf.

Sie wurde auch an Harald Kunze gestellt, der damals bei den Alten Herren kickte und für jede gute Idee zu haben war. Allerdings erwies sich der Eintritt ins Vorbereitungskomitee für den promovierten Stomatologen sehr schnell als ein “Mitgegangen – mitgehangen”. Mangels anderer Akteure fand sich Harald Kunze im Männerballett wieder. Der erste Motorfasching der neuen Zeitrechnung – 1994 aufgrund des desolaten Zustands des Pfluges im frisch sanierten Gasthof Kosma – wurde dennoch oder gerade deshalb ein durchschlagender Erfolg. “Schon im Jahr darauf war der Saal so voll, dass man kaum noch treten konnte.” Doch zwei Veranstaltungen an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden waren auf Dauer nicht finanzierbar. Für einige Jahre gab's bekanntlich den Motorfasching in der Thüsac-Halle, bevor er seit 2001 an alter Stätte, aber in neuer Hülle stattfindet.

Schnell war den Machern der ersten Stunde jedoch klar geworden, dass nicht eine Riege von Alt-Herren-Fußballern und eine Handvoll Privatpersonen mit Pioniergeist den Hut für die Organisation einer solch gigantischen Veranstaltung aufhaben können. Dass auf der Gründungsversammlung des Faschingsvereins Motor 1996 Harald Kunze zum Vize-Präsidenten gewählt wurde, wundert wohl nun schon niemanden mehr. Seither hat er Jahr für Jahr dazu beigetragen, den Motorfasching zur größten Karnevalsveranstaltung im Altenburger Land zu machen, mit jedesmal rund 1500 Gästen. Von Tradition, Erfolg und Besucherzahlen kann da nur noch die Sportparty des Kreissportbundes mithalten.

Eine Mammutaufgabe vor allem für den Vorstand. Der organisatorische Aufwand fordert unzählige Stunden an Freizeit, und das im Grunde genommen das gesamte Jahr über. Da müssen Programme zusammengestellt, Künstler und Caterer verpflichtet, Versicherungen abgeschlossen, Kontakt zu Partnervereinen im Altenburger Land sowie in Offenburg und Olten gehalten sowie nicht zuletzt Sponsoren an Land gezogen und bei Laune gehalten werden. Und für Letzteres scheint den Vereins-Matadoren keiner besser geeignet als Harald Kunze. Wo andere lange Bittbriefe schreiben müssen oder schon an resoluten Vorzimmer-Damen scheitern, genügt für den Zahnarzt, FDP-Kreistagsabgeordneten und Mitglied im Kreisvorstand der Liberalen oft ein Anruf. Kaum ein gewichtiger Name, der sich nicht auf Harald Kunzes Handy wiederfindet. Kein Anlass auf politischem, sportlichem und gesellschaftlichem Parkett, auf dem er sich nicht sicher bewegen kann. “Harry, fahr du mal hin”, ist inzwischen ein geflügeltes Wort beim Motorfaschings-Team.

Sein Meisterstück in Fragen Organisation und Sponsoring lieferte Harald Kunze übrigens mit Vorbereitung und Durchführung des Narrenkongresses der Thüringer Karnevalsvereine 2010 in Altenburg ab. Sogar einen Orden hat der dafür kreiert und fertigen lassen, den jeder Präsident erhielt. “Das macht mehr Spaß, als sich zu verkleiden”, lacht Harald Kunze.

Durch Sponsoring und Kartenverkauf bleibt am Ende jeder Karnevalssaison ein erkleckliches Sümmchen übrig, das für den sprichwörtlich guten Zweck Verwendung findet. “Im vergangenen Jahr haben wir die Gesamtsumme von 100 000 Euro überschritten”, freut sich der 52-Jährige. Gespendet wurde vom Faschingsverein beispielsweise für das Studio Bildende Kunst im Lindenau-Museum oder die Break-Dance-Gruppe der Reichenbachschule, ganz besonders aber an Sport-und Faschingsvereine.

Auch Privatpersonen erhalten Unterstützung. Einmal rückten die Karnevalisten bei einer bedürftigen Familie mit drei Kindern zu Weihnachten mit Gänsebraten und Geschenken an. “Ein paar Wochen später kam ein großer Umschlag mit Kinderzeichnungen und einem riesigen Dankeschön”, erinnert sich Harald Kunze. Einem an Multipler Sklerose erkrankten jungen Mann konnte durch einen Zuschuss zum Treppenlift ermöglicht werden, in seiner Wohnung zu bleiben. “Es ist sehr anrührend, wenn man sieht, dass man wirklich helfen kann, statt das Geld für eine Prunksitzung nach der anderen auszugeben. Für einen Karnevalsverein sind wir ohnehin eigentlich sehr diszipliniert.”

Dafür ist der Spaß auf den Faschingsveranstaltungen umso größer. “Bei uns sitzen die Leute allerdings nicht brav in den Reihen, um Büttenreden zu hören”, sagt der Vize-Präsident und bekennt im gleichen Atemzug: “Ein bisschen wurmt es mich schon, dass wir es nicht geschafft haben, eigene hochwertige Büttenreden hinzubekommen, die das Publikum fesseln.” Dafür wurden sogar Vereinsmitglieder auf diverse Schulungen geschickt. Freilich mit verhaltenem Erfolg allenfalls auf den Rosenmontags-Veranstaltungen. Aber wirklich traurig ist Harald Kunze darüber nicht, denn es gibt einfach keine Erwartungshaltung vom Motorfaschings-Publikum. Zumal die Party erstaunlich viele junge Leute anzieht. Und die kommen nicht, um irgendwelche Reden zu hören und schon gar nicht zeitig am Abend. Früher war der Saal bereits um 18.30 Uhr proppevoll, das ist heute anders. “Wenn du als Veranstalter Erfolg haben willst, musst du auf die neuen Gegebenheiten reagieren.” Deshalb wurden Einmarsch und Programmauftakt inzwischen nach hinten verschoben. Aber ein schwieriger Spagat bleibt es trotzdem, denn es muss am Ende ein Kompromiss her, der auch den Erwartungen der etwas älteren Jahrgänge gerecht wird.

Junges Volk braucht junge Macher. Deshalb wird Harald Kunze zur nächsten Vorstandswahl im April die Narrenkappe abgeben und nicht wieder als Vize-Präsident kandidieren. “Ich bin für einen geregelten Übergang”, sagt er. Aber auch das Kreistagsmandat, das er 2009 gewann, dürfte die Entscheidung beeinflusst haben. Denn der Liberale wurde in den Aufsichtsrat des Klinikums Altenburger Land, einem der größten Arbeitgeber der Region, gewählt. Eine Aufgabe, die fordert.

“Und ab und an muss ich ja auch noch in meiner Praxis sein”, lacht er. “Ein Patient hat mir im Wahlkampf 2009 sogar mal beschieden, dass er es toll finde, dass ich kandidiere. Aber wählen könne er mich nicht, denn dann hätte ich womöglich keine Zeit mehr für ihn.” Inzwischen wissen seine Patienten natürlich, dass dem nicht so ist. Und auch der Faschingsverein braucht sich nicht ernsthaft zu sorgen. Denn er bleibt ihm selbstverständlich erhalten. So wird Harald Kunze am Samstag vor Rosenmontag 2012 garantiert nicht zu Hause auf der Couch sitzen und auch sonst nicht nein sagen, wenn seine Hilfe gebraucht wird. “Ich mag es, etwas zu ermöglichen, was andere mögen. Anderen eine Freude machen, ist die größte Freude.”

Womit die Frage “Wie geht denn so was?” beantwortet wäre. Das ist der Grund, warum sich der Altenburger Zahnarzt Harald Kunze seit nunmehr 15 Jahren als bekennender Faschingsmuffel mit schöner Regelmäßigkeit gern zum Narren macht.