07.09.2011 | OVZ

Konzept auf Messers Schneide

Kreistag erwartet heute heftige Theater-Debatte

Altenburg. Die Zeichen stehen auf Sturm. Wenn heute im Kreistag über die Theaterfinanzierung von 2013 bis 2016 verhandelt wird, ist vor allem aus dem bürgerlichen Lager angesichts der angekündigten desaströsen Finanzsituation des Kreises mit Widerstand zu rechnen. Außerdem mehren sich hinter den Kulissen die Diskussionen um den neuen Generalintendanten, der ausgerechnet im Jahr der entscheidenden Weichenstellung für das Theater noch zahlreiche andere Verpflichtungen hat.

Von Ellen Paul

Eigentlich wird in Erfurt schon lange auf die Unterschriften der drei Gesellschafter des Theaters – das sind der Landkreis Altenburger Land und die Städte Gera und Altenburg – gewartet. Denn der Freistaat sieht es sehr wohl als generös an, das hiesige Theater trotz eigener erheblicher Finanzprobleme weiter im gewohnten Umfang unterstützen zu wollen. Er will sogar noch draufsatteln und jährlich 9,7 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Doch aus dem Osterland gibt es noch immer kein O.K.

Als Erster will der Kreistag heute darüber entscheiden – mit mehr als ungewissem Ausgang. Vor allem CDU und FDP sind offensichtlich nicht bereit, das Theater bei notwendigen Streichungen zu verschonen. Es gebe zudem noch zu viele Unklarheiten, wie etwa die Finanzierung des neuen Thüringer Staatsballetts, heißt es aus Fraktionskreisen.

Wie sehr das Finanzierungskonzept auf Messers Schneide steht, zeigt auch die Reaktion von Landrat Sieghardt Rydzewski (parteilos). Eigentlich wollte er im Zusammenhang mit der neuen Vereinbarung die Zuschüsse des Kreises kürzen oder das Mitspracherecht erhöhen (OVZ berichtete). In einer Änderung der Beschlussvorlage, die er heute dem Kreistag vorlegen will, ist davon keine Rede mehr. Jetzt geht es nur noch um die Zustimmung zur Finanzierungsvereinbarung mit dem Freistaat.

“Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, indem man die Situation der Gesellschafter untereinander erst einmal ausblendet und später in Ruhe diskutiert”, erklärte der Landrat gegenüber OVZ. Es könnte aber sogar sein, dass er den Beschlussantrag ganz von der Tagesordnung nimmt. Näheres wollte Rydzweski mit Blick auf den heute beratenden Theater-Aufsichtsrat nicht sagen.

Unterdessen nimmt auch die personelle Debatte deutlich an Schärfe zu. Die Gesellschafter haben zwar einen Vertrag mit Kay Kuntze als neuen Intendanten unterzeichnet – dies jedoch unter Gremienvorbehalt. Das heißt, auch die beiden Stadträte und der Kreistag müssen zustimmen. Während Altenburg und Gera dies schon getan haben, steht die Entscheidung im Kreistag noch aus.

“Wenn heute nicht ein Wunder geschieht, kommt von mir kein Ja”, bekannte der CDU-Kreisrat Christian Gumprecht bereits im Vorfeld. Die Konzeption, die Kuntze für das Theater habe, sei einfach zu dünn. Das sehen viele andere Abgeordnete offensichtlich ähnlich. Von konzeptionell nicht erfüllten Erwartungen spricht beispielsweise auch Birgit Klaubert, Linken-Fraktionschefin in Altenburg und Aufsichtsratsmitglied. Der neue Theaterchef sei für sie wie eine “Blackbox”.

Zunehmend – und schon lange nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand – wird auch die Frage diskutiert, ob der neue Theaterchef seiner großen Verantwortung überhaupt gerecht werden könne. Eigenen Aussagen zufolge hat Kuntze in der ersten Spielzeit noch Verpflichtungen als künstlerischer Leiter der Berliner Kammeroper zu erfüllen und Inszenierungen an anderen Häusern zugesagt.

“Wir brauchen aber in diesen schwierigen Zeiten jemanden, der hier steuert und nicht aus der Ferne zusieht, wo das Schiff hinfährt”, so Klaubert. “Wer volles Gehalt erhält, sollte auch voll da sein”, fordert Gumprecht

Kommentar

Tücken und Zugeständnisse

Von Ellen Paul

Es mutet schon komisch an: Sieben Wochen, nachdem Kay Kuntze als neuer Chef des Altenburg-Geraer Theaters vorgestellt wurde, entbrennt eine Diskussion darüber, ob er überhaupt der rechte Mann zur rechten Zeit ist. Zu viele andere Verpflichtungen, zu wenig Konkretes über Konzept und künstlerische Ambitionen. Und dann gleich noch ein Fünf-Jahres-Vertrag.

Doch von einem deutschlandweiten Skandal einer nachträglichen Ablehnung des Intendanten durch die Gremien bleibt das Theater verschont. Denn die Stadträte in Gera und Altenburg, die es zusammen auf 80 Prozent Gesellschafteranteile bringen, haben bereits ja zur Bestellung des neuen künstlerischen Geschäftsführers gesagt. 75 Prozent sind erforderlich. Die heutige Entscheidung des Kreistages ist daher ohne Bedeutung.

Jedoch nicht ohne Wirkung. Sie zeigt – wie bereits entsprechende Anfragen im Altenburger Stadtrat -, dass die erst verschleppte und dann in rasantem Tempo durchgepeitschte Intendantenwahl jede Menge Tücken hatte und viele Zugeständnisse erforderlich machte. Kuntze muss jetzt also beweisen, dass er sein Geld wert ist und die Mehrfachbelastung stemmen kann.

Denn das Altenburg-Geraer Theater steht nach der Fast-Pleite vor einer weiteren harten Bewährungsprobe. Die Finanzierung für 2013 bis 2016 ist noch lange nicht in trockenen Tüchern, die Angst vor massivem Stellenabbau noch lange nicht gebannt. Es braucht deshalb an seiner Spitze einen Kämpfer und einen harten Sanierer.

Wie ernst die Lage tatsächlich ist, wird die Theater-Debatte auf der heutigen Kreistagssitzung auch dem letzten Zweifler beweisen.