13.10.2011 | OVZ

Theater schrammt knapp an Katastrophe vorbei

Kreistag des Altenburger Landes stimmt nur 20:19 für neues Finanzkonzept

Altenburg. Das Altenburg-Geraer Theater ist gestern Abend haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Denkbar knapp mit 20:19 Stimmen bei einer Enthaltung billigte der Kreistag des Altenburger Landes das neue Finanzierungskonzept der fusionierten Bühnen für die Jahre 2013 bis 2016 mit dem Land Thüringen. Eine Ablehnung wäre gleichbedeutend mit dem Aus für das Theater gewesen und hätte in der Skatstadt das Ende der mittlerweile 140-jährigen Theatergeschichte eingeläutet.

Von Ellen Paul

Mit einer bisher noch nie gehörten Deutlichkeit haben sich die Fraktionen von CDU, FDP und den Regionalen in einer zweistündigen, am Ende äußerst aufgeheizten Debatte dazu bekannt, dass auch die Insolvenz der Theater und Philharmonie Thüringen GmbH für sie eine durchaus akzeptable Option ist. “Ohne Konsolidierungskonzept ist das Theater ein Fass ohne Boden”, sagte beispielsweise der Fraktionschef der Regionalen, Klaus-Peter Liefländer. Seiner Meinung nach würde man mit weiteren Finanzspritzen das Leid des Theaters nur verlängern. Auch die Christdemokraten und Liberalen plädierten nachdrücklich dafür, dass das Haus angesichts der desaströsen Finanzlage von Landkreis und Kommunen von Sparmaßnahmen nicht ausgenommen werden dürfe.

Dabei hatte Landrat Sieghardt Rydzewski (parteilos) trotz aller Unwägbarkeiten, die dieser Finanzierungsvertrag noch immer beinhalte, nachdrücklich für die Zustimmung geworben. “Wenn wir das heute nicht beschließen, entziehen wir dem Theater die Existenzgrundlage. Wenn wir nicht zahlen, geht die Gesellschaft in die Insolvenz.” Auch die Redner von SPD und Linken warnten nachdrücklich davor, das Theater auf dem Altar der Kreisumlage zu opfern.

Am Ende waren es zwei “Abtrünnige” aus den Reihen der CDU, die mit ihrer Zustimmung beziehungsweise Enthaltung das Altenburg-Geraer Theater vor der Katastrophe bewahrten.

Dem ebenfalls heftig diskutierten Jahresabschluss der Theater GmbH für 2010 sowie der Beteiligung am Rettungsschirm für das Theater in Höhe von 200 000 Euro stimmte der Kreistag hingegen mit klarer Mehrheit zu.

Auf Messers Schneide

Zwei Stimmen retten gestern Abend im Altenburger Kreistag das Theater vor dem Aus

Altenburg. Michaele Sojka kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. “Sind Sie Frau Schappmann?”, spricht die Kreistagsabgeordnete der Linken im Foyer des Landratsamtes die neue kaufmännische Geschäftsführerin des Altenburg-Geraer Theaters an. “Haben Sie gesehen, wie knapp das war? Sie müssen schnellstmöglich ein tragfähiges Konzept vorlegen. Die Abstimmung kann in drei Monaten schon ganz anders ausgehen.”

Gemeint ist das Votum zum neuen Theater-Finanzierungskonzept. Nur 20 der insgesamt 40 anwesenden Abgeordneten sind gestern Abend im Kreistag bereit, auch von 2013 bis 2016 die gleichen Zuschüsse zu zahlen wie bisher. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein immer mal wieder zu erlebendes knappes Abstimmungsergebnis, ist ein Tabu-Bruch. Zum ersten Mal haben sich gestern Abend Politiker des Altenburger Landes öffentlich dazu bekannt, dass auch eine Insolvenz der Theater GmbH eine akzeptable Option ist.

Mit dieser letzten Konsequenz hat Michaele Sojka nicht gerechnet. “Eine solche offene und ehrliche Debatte hätte man schon viel früher führen müssen”, sagt sie. Doch bis dato habe niemand diese Meinung gekannt. Als Sojka im Laufe der Debatte klar wird, dass es wirklich ums Überleben des Theaters geht, hat sie Mühe die Fassung zu bewahren. “In ein paar Jahren wird es unseren Landkreis nicht mehr geben, aber hoffentlich nicht zwei Flugplätze und kein Theater”, appelliert sie in Richtung CDU, FDP und Regionale. Auch ihre Kollegen von der SPD werfen sämtliche Argumente in die Waagschale, um den Crash zu verhindern. “Der Landkreis hat vor Monaten doch schon einen Beschluss gefasst, dass er auch ab 2013 die gleichen Leistungen bringen will, wenn die anderen Partner es auch tun. Wieso ändern Sie jetzt Ihre Meinung? Abducken ist keine Lösung”, argumentiert SPD-Fraktionschef Dirk Schwerd. “Auch ich bin mit einigen Dingen in diesem Vertrag unzufrieden. Doch eine Ablehnung würde die Zerschlagung des Theaters bedeuten. Ich würde mich schämen, wenn wir 2011 ein Theater abwickeln, dass den Zweiten Weltkrieg überlebt hat”, bekennt sein Fraktionskollege, Altenburgs OB Michael Wolf.

Eine Ablehnung des Finanzierungskonzepts hätte den Ausstieg des potentesten Partners, des Landes Thüringen zur Folge, sucht ebenso Landrat Sieghardt Rydzewski die katastrophalen Folgen eines mehrheitlichen Nein zu verdeutlichen. Der parteilose Politiker, der vor wenigen Wochen selbst noch Bedingungen an eine Zusage knüpfen wollte, hat umgeschwenkt. “Ich warne davor, Kultur nach Kassenlage zu machen”, appelliert er. Da die Landesregierung jedwede Nachverhandlung kategorisch ablehnt, sei die Zustimmung zum Vertrag die einzige Chance zum Erhalt des Theaters.

Dies um jeden Preis zu tun – dazu sind CDU, FDP und Regionale jedoch nicht mehr bereit. Die Finanzierungsvereinbarung mit dem Land stellt nach Ansicht von Liberalen-Chef Karsten Schalla für den Landkreis eine echte Gefahr dar. Denn die Mehraufwendungen für den Eintritt in den Flächentarifvertrag sowie das neue Staatsballett seien darin nicht enthalten. “Ich bin kein Gegner des Theaters, aber wir müssen darüber nachdenken, ob wir es uns in der jetzigen Form noch leisten können.” CDU-Fraktionschef Jürgen Ronneburger fordert vom Theater ein wirtschaftliches und künstlerisches Konzept mit dem Aufzeigen von Einsparmöglichkeiten. “Das haben wir bereits 2009 getan, doch dafür Hohn und Spott vom damaligen Intendanten und auch aus diesem Haus geerntet.” Ein Jahr später habe man durch die Beinahe-Insolvenz die schlimmsten Befürchtungen bestätigt gesehen.

Am Ende geben zwei Stimmen aus den Reihen der CDU den Ausschlag, dass es nicht zum Äußersten kommt. Michaele Sojka umarmt überglücklich Vertreter des schockierten Theatervereins, trocknet die Tränen. Das Theater ist gerettet. Vorerst.

Ellen Paul