22.03.2002

Ehrenamtlichkeit kann es nicht umsonst geben

… oder warum geht den Feuerwehren der Nachwuchs aus?

Der Freiwillige Feuerwehrangehörige übt zwei Berufe aus: Einen, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient, und einen zweiten, den er in seiner Freizeit ausübt und der mehr als Berufung denn als Beruf anzusehen ist. In seinen freiwilligen Dienst kann er seine beruflichen Erfahrungen einfließen lassen, und so ergibt sich ein großes Spektrum von Erfahrungen und Fertigkeiten, über welche dann die Wehren verfügen. Es wird das Können von Zimmerern, Schlossern, Elektrikern, Beamten, Lehrlingen, Gesellen, Meistern, Ingenieuren, Schülern und Studenten eingebracht. Im Einsatz kann dann mit diesem Wissen die Gefahren- oder Schadenslage gemeistert werden. Dabei ist der Feuerwehrangehörige auch bereit, erhöhte Risiken für Leib und Leben einzugehen, eingedenk der Tatsache, dass bei der Gefahrenabwehr einfach kein “Nullrisiko” herrschen kann.

Wenn nachts das Alarmsignal für einen Feuerwehrmann ertönt, steht er senkrecht im Bett. Und nicht nur er allein. Seine Frau, Freundin, seine Eltern helfen ihm sich anzuziehen und ab geht es zum Gerätehaus. Dort schnell den Helm auf, Stiefel an, Schutzjacke überziehen und ab zur Einsatzstelle. Nach dem Einsatz und dem Einrücken ist die Arbeit noch nicht zu Ende: Fahrzeuge bestücken, Schläuche waschen, Pressluftflaschen von Atemschutzgeräten füllen und überprüfen, verschmutztes Gerät und die persönliche Schutzausrüstung reinigen – kurz, die Einsatzbereitschaft herstellen. Oft wird noch über das Einsatzgeschehen gesprochen; gerade nach schwierigen Rettungseinsätzen mit Schwerverletzten oder Toten ist eine offene Aussprache erforderlich. Dann schnell ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag und im Berufsleben als Arbeiter, Angestellter oder Selbständiger wird auch noch einiges abverlangt werden.

Was bringt einen Menschen dazu, Freiwilliger Feuerwehrmann oder Freiwillige Feuerwehrfrau zu werden? Welche Motivation liegt vor, um in die Feuerwehr einzutreten? Ist es Abenteuerlust? Die Möglichkeit zu zeigen, dass man ein ganzer Kerl ist? Sehen wir uns die Personallisten der Feuerwehren an, so erkennen wir folgendes: Oft stehen Vater und Sohn, Geschwister, aber auch Onkel und Neffe gemeinsam – Schulter an Schulter – in der Gefahrenabwehr. Ein Grund ist sicherlich das gelebte Vorbild, das junge Leute, Buben wie Mädchen, dazu bewegt, in die Freiwillige Feuerwehr einzutreten, sich dort zu engagieren und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu finden. Anfänglich vielleicht vorhandene Abenteuerlust wird durch die Ausbildung in der Jugendfeuerwehr und in der aktiven Wehr, vor allem aber durch den Einsatz bei den meisten Feuerwehrangehörigen gedämpft. Im Feuerwehrdienst haben Tollkühnheit, Selbstüberschätzung und Profilierungssucht nichts zu suchen! Sie rufen nur zusätzliche und vermeidbare Gefahren hervor.

Bewusst und unbewusst besteht bei allen Bürgern die Einsicht, dass die Gefahren für Menschen und Güter durch Brände, Unfälle und Katastrophen abgewehrt werden müssen. Diese Notwendigkeit – ja dieses harte Muss zu helfen – führt dann bei vielen zur freiwilligen Selbstverpflichtung, zum Dienst in einer der Hilfsorganisationen – ganz gleich ob beim ASB, DRK, JUH, oder eben in der Freiwilligen Feuerwehr. Der Feuerwehrangehörige benötigt keine modernen Motivationmätzchen, um bei der Stange gehalten zu werden. Vielmehr müssen die Taten derjenigen, die für die Gefahrenabwehr verantwortlich sind, erkennen lassen, wie sie die Feuerwehrangehörigen zu würdigen wissen. So kann die Motivation sinken, wenn beispielsweise der Bürgermeister die Freiwillige Feuerwehr immer häufiger zur Beseitigung von Ölspuren “rund um die Uhr” einsetzen lässt – zu einer Tätigkeit, die nicht im originären Aufgabenbereich der Feuerwehr liegt. Die Freiwillige Feuerwehr versteht sich nicht als billige Hilfsarbeitertruppe, die zu allem allzeit bereit steht. Übrigens auch nicht der Arbeitgeber des Feuerwehrangehörigen: Für den Brandeinsatz seiner Mitarbeiter oder deren Einsatz bei der Gefahrenabwehr hat er Verständnis und nimmt den dadurch entstandenen Arbeits- oder Produktionsausfall in Kauf. Häufen sich jedoch die oben genannten Dienstleistungen während der Arbeitszeit, so lehnt der Arbeitgeber diese Belastungen für seinen Betrieb zu Recht ab. Die in erster Linie zuständigen und verantwortlichen Stellen sind hier auch außerhalb der Arbeitszeit – in der Nacht, an den Wochenenden und während der Feiertage – stärker in die Pflicht zu nehmen.

Der freiwillige Feuerwehrangehörige hat freiwillig die Aufgabe übernommen, seinen Mitbürgern aus Gefahrenlagen zu helfen. Für den Einsatzdienst bereitet er sich gründlich vor. Durchschnittlich werden sie mit rund 80 Stunden im Jahr belastet, jedoch meist noch mehr. Familie und Beruf dürfen durch diesen ehrenamtlichen Dienst nicht mehr als nötig beansprucht werden, und daher setzt die Feuerwehr die Selbst- und Nachbarschaftshilfe bei den Bürgern voraus. Die Freiwilligen Feuerwehren garantieren kurze Hilfsfristen und kompetente Hilfe jederzeit und überall. Die Freiwilligen Feuerwehren sind die tragende Säule des Katastrophenschutzes in der Bundesrepublik Deutschland. Neben den gesetzlichen Aufgaben sind sie jedoch auch ein prägendes gesellschaftliches Element. Kosten entstehen im Vergleich zum Nutzen der Freiwilligen Feuerwehren kaum. Ein Prozent des öffentlichen Haushaltes beanspruchen in der Regel die Feuerwehren. Kostengünstig allemal, denn ein Einsatz des flächendeckenden, ehrenamtlichen Systems durch ein gleichwertiges Stützpunktsystem mit hauptamtlichen Kräften wird um ein Vielfaches teurer. Ehrenamtlichkeit kann es nicht umsonst geben, aber sie ist aus vielen Gründen die sparsamste Form der Aufgabenbewältigung und unverzichtbar für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft, die darauf angewiesen ist, dass sich Bürger uneigennützig in den Dienst der Allgemeinheit stellen.