09.04.2013 | OVZ

Gesundheitsminister Bahr besucht Thüringer Modell-Praxis

Ärztin über Stiftung angestellt / Konzept wurde im Freistaat erfunden

Weida. Praxen schließen, Nachfolger bleiben oft aus: In ländlichen Regionen finden Patienten immer häufiger keinen Hausarzt mehr. In Weida (Kreis Greiz) besuchte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) gestern eine neue Fahrschulpraxis. Das Konzept wurde in Thüringen erfunden und soll jungen Ärzten beim Berufsstart helfen.

Von Robert Büssow

Termine verteilt Kristin Hoyer schon gar nicht mehr. Sie habe ohnehin nur noch Zeit, sich um wirkliche Notfälle zu kümmern, sagt die Allgemeinmedizinerin in Weida. “Viele Patienten stehen hier ohne Hausarzt da”, sagt die 40-Jährige. Nun hat Hoyer die Reißleine gezogen und schlüpfte unter den Schutzschirm der Kassenärztlichen Vereinigung (KVT). Die Selbstverwaltung der niedergelassenen Ärzte in Thüringen hat die Praxis als sogenannte Eigeneinrichtung übernommen und die junge Ärztin über eine Stiftung angestellt.

Das Modell ist eine Innovation, die in Thüringen erfunden wurde und inzwischen bundesweit Nachahmer findet. Der Arzt verliert zwar seine Selbständigkeit, dafür hat er weniger Sorgen: ein festes Gehalt, weniger Bürokratie, keine Regressandrohungen. Um Personal und Verwaltung kümmert sich nun die KVT. Im Gegenzug konnte Hoyer in der drohend unterversorgten Region gehalten werden.

“Die Zahl der Eigeneinrichtungen wird im nächsten Jahr in Deutschland zunehmen. Man schaut hier auch auf die Erfahrungen in Thüringen”, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr auf Stippvisite. “Noch haben wir keine dramatischen Versorgungsprobleme, aber wir wollen ja vorausschauend handeln.” Vor allem in den Neuen Bundesländern gebe es bereits heute punktuell Ärztemangel. “Die Eigeneinrichtung ist eine flexible Lösung, die wir brauchen, um jungen Leuten die Angst vor der Selbständigkeit zu nehmen”, so Bahr. Langfristiges Ziel müsse aber bleiben, dass sie die sogenannte Fahrschulpraxis am Ende wieder übernehmen. “Weil wir wollen, dass die Ärzte eigene Praxen betreiben”, sagte Bahr. Eigeneinrichtungen könnten nur eine Übergangslösung sein. Insgesamt fünf wurden in Thüringen bislang gegründet, zwei inzwischen von den angestellten Ärzten übernommen.

“Das Modell funktioniert sehr gut”, sagt KV-Chefin Annette Rommel. “Wir haben aber kein Patentrezept gegen den Ärztemangel. Wir brauchen ein ganzes Bündel an Maßnahmen.” Gemeinsam mit der Thüringer FDP stellte die KV gestern ein Paket mit Vorschlägen vor. Der Abgeordnete Marian Koppe fordert eine Erhöhung der Medizinstudienplätze um 25 auf 245 im Semester. Die zusätzlichen Ärzte sollen zu einer Tätigkeit in Thüringen verpflichtet werden. Koppe forderte die Landkreise und Kommunen außerdem auf, im Notfall ebenfalls Praxen als Eigeneinrichtung zu betreiben. Dies ist seit Anfang 2012 gesetzlich möglich.

Auf die kritische Lage auch in vielen Thüringer Krankenhäusern wies Gundula Werner, Vorsitzende der Landeskrankenhausgesellschaft hin. “Seit Jahren laufen Kosten und Vergütung auseinander. Die finanzielle Lage ist äußerst angespannt”, sagte die Chefin des Klinikums Altenburg.

Kommentar

Bürokratie vergrault Ärzte

Von Robert Büssow

Das ist keine Notlösung. Das ist die Zukunft: Wer einen Arzt aufs Land holen will, der muss ihn locken. Mit Geld, mit Service und wenn gewünscht sogar mit einer Festanstellung. Das Modell Eigeneinrichtung kommt dem Arzt entgegen: Er kann sich um die Patienten kümmern und ist den Stress mit der Abrechnung weitgehend los. Viele Ärzte haben die ausufernde Bürokratie satt, die auf Kosten der Versorgung geht. Und am Ende droht sogar noch ein Regress, weil angeblich zu viel verschrieben wurde. Das sind die Schattenseiten der Selbständigkeit, die heute viele junge Mediziner fürchten. Stattdessen gehen sie lieber ins Krankenhaus oder in eins der boomenden Medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

Im Jahr 2011 haben sich von den Medizinabsolventen der Uni Jena nur vier mit einer eigenen Praxis niedergelassen, während 84 in eine Klinik gegangen sind. Auch die Eigeneinrichtung wird diesen Trend nicht umkehren können. Es bleibt nur eine Lösung: Die Krankenhäuser müssen stärker in die ambulante Versorgung einbezogen werden. Mobile Praxen, Telemedizin, die Schwester Agnes, die zum Hausbesuch fährt – so sieht die Versorgung der Zukunft wohl aus. Falls nicht, werden die Leute dorthin ziehen, wo der Arzt ist: Und das bedeutet, noch mehr Abwanderung in die Städte.