08.12.2008 | OVZ

FDP macht Landeschef zum Fahnenträger

Uwe Barth ist Spitzenkandidat für Landtagswahl / Generalsekretär Patrick Kurth nach Kampfabstimmung für Bundestag nominiert

Erfurt. Für eine Partei, der bisweilen eine gewisse Kälte nachgesagt wird, war das ein gefühlvoller Moment. Der frühere Vize-Regierungschef Ulrich Fickel trat nach der Wahl des Spitzenkandidaten ans Rednerpult. Fickel erinnerte an das „schmähliche“ Ausscheiden der FDP 1994 aus dem Landtag und die folgenden Chaos-Jahre. Dann entrollte er eine Thüringen-Fahne. Sie solle im Saal der neuen Fraktion hängen, sagte der Wissenschaftsminister der ersten Landesregierung. „Ich wäre sehr glücklich, wenn ihr das schafft.“

Als Landeschef Uwe Barth, der neue Spitzenkandidat, die Fahne nahm und sie dem Beifall entgegen schwenkte, waren er und seine applaudierende Truppe nahezu eine Einheit geworden. Entschlossen, im kommenden Jahr den Wiedereinzug in den Landtag zu schaffen. Gewillt, sich nicht wieder in Grabenkämpfen zu verlieren und bereit, wie Barth sagte, einen „Gestaltungsanspruch in unserem Land zu erheben“.

Das ist keine Selbstverständlichkeit für eine Partei, die legendäre Fehlleistungen wie 1999 den Aufruf, die CDU zu wählen, hinter sich hat. Nicht, dass sie seit der Amtsübernahme Barths vor fünf Jahren von Affären verschont geblieben wäre – so verlor sie zwei Vize-Landeschefs, die mit dem Gesetz in Konflikt gerieten. Aber sie demontiert sich nicht mehr selbst. In dieser Hinsicht war der Parteitag tatsächlich eine „Demonstration der Lernfähigkeit“, wie der Landeschef sagte. Die Vorschläge der Parteispitze für die Listenkandidaten bei Land- und Bundestagswahl wurden allesamt durchgewinkt. Auch der Altenburger Johannes Frackowiak findet sich als Bundestagskandidat dort wieder.

Da zahlte sich aus, dass seit Wochen in den Kreisverbänden für Mehrheiten geworben und viel telefoniert wurde.

Beim Parteitag beschwor Barth geradezu die Geschlossenheit – und wurde prompt mit rund 94 Prozent zum Spitzenkandidaten gewählt. Seine drei Parteivize, darunter Lutz Recknagel aus Südthüringen, kamen wie geplant auf die Plätze zwei, vier und fünf der Landesliste. Schafft die FDP den Sprung in den Landtag, gehören sie auf jeden Fall der regional ausgewogenen Fraktion an.

Barths Hoffnung und Ziel, „am Wahlabend keine Zitterpartie“ zu erleben, wird von den Umfragen genährt. Sie sehen die FDP seit längerem konstant im Landtag. Es war die Idee des Parteichefs, mit der Fahne auch eine Art Staffelübergabe zu inszenieren. Die Fahne als Symbol, hinter der sich nun die 1700 FDP-Mitglieder versammeln sollen. Bei den Delegierten fruchtete es bereits. Sie wählten Generalsekretär Patrick Kurth zum Spitzenkandidaten für den Bundestag. Er bekam 100 Stimmen, sein Mitbewerber Stefan Feuerstein nur 29.

Den Erfolg verdankte Kurth nicht unbedingt einer besseren Vorstellung. Aber auch hier sah Barth einen Lerneffekt der Partei, nicht jemanden bloß nach einer halbwegs passablen Rede zu küren. Die Basis wählte Kurths kontinuierliche Arbeit und nicht den schönen Schein seines Konkurrenten. Geholfen hat dem Generalsekretär auch der überraschende Rückzug von Jenas Alt-Oberbürgermeister Peter Röhlinger. Der hatte bereits Donnerstagnachmittag Barth vertraulich informiert, doch nicht für den ersten Platz zu kandidieren. Zuvor hätten „schon Gespräche stattgefunden“, gab Barth zu.

Den Delegierten blieb so eine Zerreißprobe erspart. Sie dankten Röhlinger den Verzicht mit einem sehr guten Ergebnis bei der Kampfkandidatur um Platz zwei. Auch dies ist Ausdruck einer „Sehnsucht nach Geschlossenheit“, wie es Landesvize Recknagel ausdrückte. Laut Barth treten FDP-Leute inzwischen wieder „sehr viel selbstbewusster in Thüringen auf“. An der Basis ist viel von Aufbruch die Rede. In Weimar zum Beispiel eröffnete der Kreisvorstand eine Geschäftsstelle, finanziert allein durch Spenden. „Vor sechs, sieben Jahren“, sagt ein Mitglied, „hätte ich kein Geld gegeben“.

Eike Kellermann