17.08.2013 | OTZ

An jeder Laterne mindestens 1 Lächeln

Die Wahlplakate-Plage kommt über uns

An jeder Laterne mindestens ein Gesicht und auch noch lächelnd. Die Zeit bis zum 22. September wird hart. Der Wahlkampf mobilisiert alle Plakatreserven der acht Parteien und Direktkandidaten. Da wirds eng an der Stange.

Greiz/Altenburger Land. “Für Sie in den Bundestag” will Volkmar Vogel. Der Mann von der CDU will “gemeinsam erfolgreich” sein und weiß, dass “Wachstum Weitblick braucht und einen stabilen Euro”. Wo der herkommen soll, steht allerdings nicht auf dem Plakat. Die Grünen wollen “nicht fressen, was der Bauer nicht kennt” und fragen: “Und Du?” Der Betrachter wohl auch nicht.

Dafür weiß Die Linke, dass der Osten rot wählt und schiebt ein “Klar” mit Ausrufezeichen nach. Ob das so klar ist, wird sich allerdings erst am 22. September zeigen. Dann ist Bundestagswahl und der geschätzte Wähler darf – und sollte – ein Kreuz bei seiner Lieblingspartei oder seinem Lieblingskandidaten machen. Bis dahin werden wir allerdings mit Sprüchen überhäuft, suggestiv als Verbündete angesprochen oder gänzlich irritiert. Wie mit dem Linke Plakat und der großen Frage: “Revolution?” Nein, nur Wahlkampf. Und “bei dieser Wahl gibts was zu wählen”, weiß nun endlich auch die Alternative für Deutschland (AfD).

Die Plätze an der Stange werden Mangelware

Vor zwei Wochen hat SPD-Mann Nikolaus Dorsch damit begonnen von Altenburg ausgehend seine 2200 Plakate zum Teil in Übergröße an die Laternen zu hängen. Holger Peckmann von den Piraten zog von Schmölln aus mit 600 Plakaten des Landesverbandes und 200 Plakaten mit seinem Gesicht und diesem direkten Fingerzeig nach. 3000 Mal Volkmar Vogel blicken im gesamten Wahlkreis seit einer Woche auf Passanten hinab. Zeitlich in stiller Eintracht mit ihm wurden 2000 Plakate mit Frank Tempels Foto-Torso in Lederweste und 1500 Linke-Themenplakate aufgehängt. Für die AfD ist es so üppig nicht, denn von den 1000 Plakaten, die man zur Verfügung hat, sind 500 in Gera gehängt worden. Bleiben 500 für die allgemeinen Wahlversprechen von Zuwanderung bis Währungspolitik, den Konterfei von Sieghardt Rydzewski und den großen Wahlkreis. Die Plakate sollen konkrete Botschaften senden. Welche das sind, soll eine Überraschung bleiben.

Ganz schwierig ist es für den Neuling Jens Kämpfer von Bündnis 90/Die Grünen. Sein Gesicht wird man erst gar nicht sehen. Die 519 Plakate im Landkreis Greiz und Altenburger Land kommen vom Landesverband. Da Direktkandidatenplakate von den Kreisverbänden selber bezahlt werden müssen und bald Landtags- und Kommunalwahlen sind, fällt die Werbung für Kämpfer aus finanziellen Gründen aus. Fehlen noch die Liberalen. Dort will man die Mitte entlasten und gegen den Mindestlohn kämpfen in den hiesigen Landkreisen wird das auf etwa 400 Plakaten angeregt. Erst danach will Direktkandidat Daniel Scheidel mit seinem Gesicht dreihundertfach ins Rennen gehen. “Nach zwei Wochen hätten die Leute sowieso die Nase voll von den Gesichtern”, lässt sich Scheidel Zeit.

Verschiedene Bürokratie und gleiche Bedingungen

Angesichts der acht Bundestagskandidaten im Wahlkreis wird man sich um den Platz an der Stange streiten müssen. Wer zuerst kommt, mahlt auch zuerst. Und das war Dorsch von der SPD, die wiederum für den Mindestlohn ist. Gegen Dorschs Erstauftritt wetterte Scheidel per offenen Brief (OTZ berichtete). Inzwischen mussten Plakate vor einer Ampel in Altenburg und in der Nähe von Schulen von Dorsch und auch Tempel abgehängt werden. Die Stadt Altenburg hatte gründlich geprüft. Dort nimmt man die Zulassung der Wahlplakate amtsrechtlich sehr ernst und verschickt einen richtigen Bescheid – gegen Empfangsbestätigung. In Gößnitz und Schmölln läuft die Wahlplakatierung unbürokratischer, wenngleich die Bedingungen zur massenhaften Belastung des Luftraumes mit Plakaten letztlich in den Orten gleich sind. Verkehrszeichen, Bäume, Brücken, Bahnübergänge, Straßenkreuzungen oder auch Ampeln, Schulnähe, Park und Markt sind tabu. Und ordentlich aufgehängt werden müssen die Plakate auch. Über die nächsten sechs Wochen werden die ewig lächelnden Gesichter zwar am Wetter leiden. Aber dann sind wir erlöst. Die Plage zieht weiter, zur nächsten Wahl.

Petra Lowe