19.09.2013 | OVZ

Hochspannung bis Sonntagabend

Im Wahlkreis Greiz/Altenburger Land werben zwei Bundestagsabgeordnete, sechs weitere Kandidaten und zwölf Parteien um die Gunst der Wähler

Altenburg. Noch drei Tage bis zur Bundestagswahl. Am Sonntag mischen auch die wahlberechtigten Bürger des Altenburger Landes kräftig mit in der “großen Politik”. Und erstmals haben sie die Wahl unter acht Direktkandidaten, die sich um das Mandat des Wahlkreises 195 bewerben. Zwölf Parteien stehen insgesamt auf dem Stimmzettel.

Von Günter Neumann

Obwohl auf Bundesebene das “klassische” Rennen zwischen CDU und SPD wohl zugunsten Angela Merkels entschieden scheint, bleibt es im Wahlkreis Greiz/Altenburger Land spannend bis zum Sonntagabend. Denn statt des auf Bundesebene gewohnten Zweikampfes gibt es zwischen Lucka und Zeulenroda wieder einen Mehrkampf – und jeder der Matadore von CDU, SPD und Linken ist hier für einen Sieg gut.

Ein Blick in alte Wahlstatistiken zeigt, warum das so ist: In den vergangenen 23 Jahren ist der Abstand der Direktkandidaten aus den Volksparteien, zu denen im Osten auch die Linke gezählt wird, tendenziell immer geringer geworden (siehe Tabelle). Schon ein kleiner Verlust bei einem Kandidaten und ein Gewinn beim anderen kann den Ausschlag geben.

Der Gewinner bekommt alles

Hinzu kommt, dass diesmal acht statt nur fünf oder sechs Kandidaten antreten. Und für die Ermittlung des Direktmandats gilt das sogenannte relative Mehrheitswahlrecht: Der Bewerber mit den meisten Stimmen – sei es nur eine einzige mehr als bei den anderen – gewinnt das Mandat. Alle anderen gehen leer aus, mögen sie auch zusammen viel mehr Stimmen auf sich vereinen, als der Sieger. Eben ganz nach dem Prinzip: Der Gewinner bekommt alles. Nach Überschlagsrechnungen für den Wahlkreis könnten bei acht Bewerbern diesmal für den Sieg sogar schon wenig mehr als 25 Prozent reichen – und das haben die Kandidaten von CDU, SPD und Linken in den vergangenen Jahren mehrfach geschafft.

Bemerkenswerterweise folgten die Wähler jedes Mal dem Bundestrend: Im Windschatten von Helmut Kohl und Angela Merkel gewannen die CDU-Bewerber vier der bislang sechs Bundestagswahlen nach der Wende, beflügelt von Gerhard Schröder die SPD-Kandidaten zwei.

Linken-Kandidat Frank Tempel, der 2009 den Einzug in den Bundestag über die Liste schaffte, will diesen Trend nun stoppen und CDU-Amtsinhaber Volkmar Vogel erstmals das Direktmandat abjagen. Und das scheint nicht mehr so völlig abwegig, wie noch vor ein paar Jahren: Schon 2009 holten sich die Linken von der Union zwei der neun Thüringer Bundestagswahlkreise. Und Mitbewerber Nikolaus Dorsch von der SPD leidet unter der aktuell ungünstigen Bundes-Stimmung für seine Partei.

Unberechenbare AfD

Aber Vogel wird sogar in die Zange genommen, denn dem Christdemokraten droht noch von ganz anderer Seite Gefahr: Die Alternative für Deutschland (AfD) wildert ziemlich ungeniert im konservativen Wählerlager und schickt mit Ex-Landrat Sieghardt Rydzewski einen zumindest im Altenburger Land sehr bekannten Bewerber ins Rennen. Vor einem Jahr holte er hier in der – knapp verlorenen – Landrats-Stichwahl 14 000 Stimmen. Einmal unterstellt, er würde dieses Ergebnis wiederholen können, wären dies auf den Wahlkreis grob umgerechnet locker über zehn Prozent.

Andererseits geht es bei einer Bundestagswahl um ganz andere Themen. Und wie viel Potenzial bundesweit den Neuen zuzutrauen ist, wissen selbst die Wahlforscher nicht genau. Bei den ebenfalls relativ neuen Piraten gibt es dagegen wenigstens Richtwerte: Sie holten bei der Bundestagswahl 2009 ihr bestes Thüringer Ergebnis im Nachbar-Wahlkreis 194 – mit 3,4 Prozent.

Keine Listen-Sicherheit

Auch FDP, Grüne und die verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen haben im hiesigen Wahlkreis bei der Entscheidung für das Direktmandat bisher nie eine große Rolle gespielt. Wenngleich die von den Bewerbern durch ihr Antreten für die jeweilige Partei gewonnenen Zweitstimmen natürlich immer in das Gesamtergebnis der Wahl einfließen.

Übrigens: Zusätzliche Dramatik gewinnt der Dreikampf der Großen noch aus der für die Karriereplanung nicht unwichtigen Tatsache, dass alle drei alles oder nichts spielen müssen. Der für Kandidaten theoretisch ebenfalls mögliche Einzug über die Landeslisten ist keinem sicher.

So steht Volkmar Vogel zwar auf Platz drei der CDU, aber sollten seine Kollegen erneut alle anderen Wahlkreise gewinnen, wäre das Thüringer Kontingent für Berlin übervoll und er draußen. Frank Tempel hat bei den Linken Platz vier, muss aber ebenfalls fürchten, von hinter ihm platzierten Wahlkreisgewinnern verdrängt zu werden. Und SPD-Mann Dorsch hatte sich gar nicht erst um einen Listenplatz bemüht.

Ebenfalls nicht auf den ersten Blick erkennbar ist die Logik, nach der die Reihenfolge der Parteien und Kandidaten auf dem Stimmzettel (siehe Grafik) festgelegt wird. Sie richtet sich nach dem Zweitstimmenergebnis, das die Parteien bei der vorigen Bundestagswahl im jeweiligen Bundesland erreichten. Neu antretende Parteien folgen alphabetisch sortiert. Die Stimmzettel sind also in jedem Bundesland anders und unterscheiden sich zusätzlich von Wahlkreis zu Wahlkreis nach den von den Parteien aufgestellten Direktkandidaten.

Kandidaten

Daniel Scheidel (FDP)

54 Jahre
Diplom-Volkswirt
Altenburg

Hintergrund

Ergebnisse der Direktkandidaten im Wahlkreis

CDU 2009: 37,4% – 2005: 31,7% – 2002: 33,2% – 1998: 31,4% – 1994: 45,4% – 1990: 47,7%

Linke 2009: 29,3% – 2005: 25,9% – 2002: 17,5% – 1998: 18,9% – 1994: 14,9% – 1990: 7,9%

SPD 2009: 17,6% – 2005: 30,2% – 2002: 39,0% – 1998: 39,3% – 1994: 32,0% – 1990: 21,5%

FDP 2009: 8,0% – 2005: 5,2% – 2002: 7,3% – 1998: 2,7% – 1994: 2,8% – 1990: 13,6%

Grüne 2009: 3,6% – 2005: 2,6% – 2002: 2,9% – 1998: 2,7% – 1994: 4,8% – 1990: 4,9%

Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik. Ergebnisse in Prozent.
Zuschnitt und Nummerierung des Wahlkreises haben sich seit 1990 mehrfach geändert.